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Erica Tietze-Conrat - Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
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301 Tagebuch 1938/2 Verspätung von fast anderthalb Stun- den ! In Zagreb war Franz mit seinem Vater auf d. Bahn. Franz hat am Mon- tag seine letzte Prüfung u. am Dienstag seine Promotion gehabt. Er hat noch Großmama aufgesucht, bevor er abreiste u. sie sehr schwach gefunden. Er war wohl Dienstag oder Mittwoch dort. Und heute Mittag kam ein sehr versöhnlicher Brief von Trude an, dass Mama am 30. abends eingeschlafen ist u. nicht mehr aufwachte. Sie war nur ganz kurz krank, zu Mittag machte ihr Dr Paschkis noch eine Blutprobe, weil sie ihm so blaß er- schien u. gab ihr eine Leberinjektion. Der Zustand am Nachmittag blieb wei- ter unverändert, aber Trude hatte trotz- dem schon Ilse verständigt. Und gegen 7 Uhr war alles vorüber. Ohne Schmerzen war sie gestorben. Ein schöner Tod. Und wenn er vor d. 11. März erfolgt wäre, wäre er noch schöner gewesen ; so hat sie von so vielen Abschied nehmen müssen u. doch gewusst, dass es für sie kein Wiedersehen gibt. Der letzte, von dem sie Abschied nahm, war Kurtl. Sie fragte bei mir an (in ihrer letzten Karte) : „Ist Kurt schon bei euch ? Der Kuß, den er mir auf die Stirn gab, schien mir doch endgültig zu sein  …“ (Kurt hatte ihr nicht gesagt, daß er am nächsten Tag fortreiste ; sie hat es aber doch erraten). Das letzte, allerletzte Band, das uns noch mit Wien verbindet, ist zerrissen.10 Ich habe Hans gebeten, daß wir unsern Gastfreunden nicht sagen, daß Mama ge- storben ist. Sie wollen uns so viel Liebes hier bieten, ich will sie nicht kränken, ich meine enttäuschen, daß ich nicht aufnahmsfreudig dafür wäre. Ich will lieber still dieses natürliche Auslöschen in mich einprägen, bis ich es innehabe. Man versteht ja so wenig von den letzten Dingen. Ich habe dem Anderl u. d. Burgl geschrieben. 19. [Juli] Venedig. Wir sind am Sonntag (d. 16.) pünktlich, wie wirs vorgehabt hatten, aus Zagreb zu- rückgekommen. Am selben Abend ist noch Therese nach Wien gereist. Der Aufent- halt im Grünen in Zagreb hat uns sehr gut getan. Wir haben redlich für Franz u. d. Frauen gegen den Herrn u. Gebieter Dane gekämpft, der einfach nichts davon wissen will, daß ähnliche Geschehnisse wie in Wien auch in seinem geliebten Kroatien ge- schehen könnten. Es war ein täglich erneuter, erbitterter Kampf, dem am allerletzten Abb. 80 : Letztes Wiedersehen – Ida Conrat mit Tochter Lili Fraenkel, ca. 1937.
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Erica Tietze-Conrat Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
Title
Erica Tietze-Conrat
Subtitle
Tagebücher
Volume
II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Editor
Alexandra Caruso
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2015
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-79545-2
Size
17.0 x 24.0 cm
Pages
346
Category
Biographien
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Library
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