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Tagebuch 1938/2
diesmal da u. wir haben ihr Haus (Madonna in Terraglio Nr. 9) besichtigt. Es ist
das seltsam schlampigste Haus, das es gibt. Seit Jahrzehnten scheint auch nicht ein
einziges Stück, das aus d. Kästen genommen oder sonst wie ins Haus gekommen war,
wieder weggeräumt worden zu sein. Alles liegt auf Stühlen u. Tischen. Das Fr[äu]-
l[ein] eine Kunstgewerblerin. Manche Räumchen ringsum bemalt reizend. Z. B. die-
ses mit Landschaften mit Davidszenchen von Farinati. Das Stimmchen d. Signorina
wie von einer Theaterschmiere ; Locken angesteckt, darunter glatzig (Viel Spaß). Wir
haben viele Stunden bei Tag geruht, aber trotzdem nicht in d. übrigen die richtige
Arbeitslust gehabt. Wir haben für unsre Freskenneugier ein fascistisches Lokal auf-
suchen müssen u. dort d. Abfertigung einer Reihe Protektionssucher erleben müssen
(Rede über d. fascistische Gerechtigkeit, von d. Menge stehend angehört). Wir waren
im Kino (Mister Flow mit Sokoloff, gut gespielt, aber ganz blöd) u. wollen heute
wieder gehen. Wir haben jedes Mal zumittag aus d. Papierl gegessen u. Abends in d.
Accademia. Noch zwei eindrucksvolle Dinge : den Farinatisaal in d. Bibl[ioteca] Com-
munale, dessen Kenntnis wir Linzeler verdanken u. das Erzbisch[öfliche] Palais mit
seinen sehr großen Brusasorzilandschaften u. d. entzückenden drei kleinen Täfelchen
aus d. Marienleben von Liberale da Verona.15
24. [Juli]
(Milano, wieder bei Doria-Suisse, wieder im Zimmer 17.) Das war heute ein merk-
würdiger Sonntag ! Fing schon früh an, den d. Zug verließ Verona um 7 Uhr. Eck-
platz, aber voll. Nichtraucher. So kalt u. regnerisch, daß d. Fenster zu. Ein Herr
steckte sich eine Zigarette an, ich machte ihn auf d. Täfelchen Vietato fumare auf-
merksam, er sagte, daß geht ihn gar nix an. Das ganze Coupé redete ihm zu – ver-
geblich ! Ich ging auf d. Corridore hinaus. Als eine Station kam, bekam ers mit d.
Angst, daß ich d. durchgehenden Kontrolleur rufen könnte u. legte d. Zigaretten weg.
War sehr bös u. mein Feind. Im Brera wars so unerhört finster, daß man überhaupt
kein Bild sah. Nur vorübergehend riß d. Nebel oder d. Wolken oder der Dreck halt,
der herunter hing, auf u. dann wars möglich, etwas wahrzunehmen z. B. Morassi, mit
dem wir ein Gespräch hatten. Er war vor 3 Wochen in Wien gewesen : Benesch zit-
tert, Wilde zittert, Buschbeck wird „angefeindet“. Die Stadt hat ein andres Aussehen.
„Barbarisato, proletarisato“. In d. Ambrosiana am Nachmittag sahen wir z[um] T[eil]
bei künstlichem Licht d. Bilder an – von eins bis drei Uhr ! Dann nachhaus, ins Bett.
Mit Photos gearbeitet, aber vom Scirocco stark hergenommen. Ein wenig spazieren-
gegangen u. dazwischen lange gestanden, um d. Regen immer wieder abzuwarten.
–16
Heute reist Kurtl in Neapel ab
– Australien !
27. [Juli]
Urban, Zürich (Blick auf d. See, Terrasse. Sogar mit Badezimmer
– aber das wollen wir
abbestellen. Gäste von Frau E. R. [Eva Reifenberg]). Der zweite Tag (25.) in Milano
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien