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Tagebuch 1938/2
Anderl durch ein Missverständnis außer
Kontakt mit uns, irgendwo am Lugano-
see, schreibt Karten, Briefe noch immer
nach Venedig !, die uns hierher nachge-
schickt werden ! Wir sind vielleicht zu
Gast, aber nicht sicher ; jedenfalls hat
unsere Gastfreundin so viel mit Confe-
rences u. Familie zu tun, daß sie kaum
Zeit hat uns das Gefühl zu geben, daß
wir Gäste sind. So droht bald d. Hotel-
rechnung, bald bestehen wir trotzig auf
ihr, um uns nicht als Schnorrer zu füh-
len. Das französ[ische] Visum ist noch
nicht da, wir sollen Dienstag danach
wieder fragen. Die Bibliotheken ha-
ben kaum d. Bücher, die wir brauchen
viele
– das Kunsthaus
– verlangen 1 fr
50
für ihre Benützung ! Wartmann verreist.
Bernoulli verreist. Sein Unterläufel ist
Dr Jenning, der den Kanton Glarus in
Reprodukt[ionen] bearbeitet, sehr lie-
benswürdig, aber wenig unterhaltend.
Gradmann eine ausgepresste Zitrone
(sein Vater mit Selbstmord †). Kein
Lichtblick Abendbesuch am Dolder bei Dr Felix Somary, Sonnenbergstr. 128. Seine
Familie auf d. Land, seine Sammlung im Safe. Einiges nur vorhanden, darunter eine
große Dürerzeichn[ung] eines weinenden Engels in Wolken, Halbfigur in Hemd-
chen Grisaille. Möglich, unerfreulich. Wir blieben bis Mitternacht, genossen die gute
Luft (ich war nur ein wenig beleidigt, weil d. russischen Eier (Hour d’oeuvre) mit
gesalzenem Kaviar gemacht waren ; der Champagner war wieder versöhnend) u. die
eigenartigen Flausen unseres Gastherren. Er sprach u. a. von seiner Art d. Sammelns,
daß er um das Dürersche Rosenkranzbild mit Strakow, um d. Hieron[ymus] mit Lis-
sabon, um die Bonnats[amm]l[un]g mit Bayonne u. die Lagen d. Gebetbuches in
Besançon mit Frankreich gehandelt habe
… Ob das wahr ist ? !18
Leider scheint unbestreitbar wahr zu sein, daß Max Bunzl in Dachau auf d. Flucht
erschossen worden. Sehr peinlich war uns ein Abend im Biergarten d. Hinteren Ster-
nen, an dem in drei Schichten mehr oder weniger frisch Emigrierte an unseren Tisch
kamen (Frau Schmidl-Wähner + Bub, ein Arzt Dr Poras aus Edlach, dessen Braut,
Tochter d. Besitzers von Edlach, die eben noch maturiert hat u. in einer Kaserne
aufreiben musste, der Mop[p], der sich nur mit d. Geige gerettet hat. Wir hörten, daß
Abb. 82 : Ilse von Twardowski, geb. Conrat.
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien