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Tagebuch 1938/2
Sternen vergessen. Den holten wir noch. Und heute war dann wieder ein Kladera-
datsch denn d. franz[ösische] Konsulat wollte uns das Transitvisum nicht geben u. der
Beamte sagte, wir sollten doch über Deutschl[and] fahren, was doch bloßer Hohn
war. Er war auch sonst rüpelhaft u. wir verloren ein wenig d. Ruhe u. das war schlimm,
dann als Frl. Schulthess nachher zum Vizekonsul für uns teleph[oniert], meinte dieser,
er könne für uns keine Ausnahme machen, weil wir geschimpft hätten. Und jetzt
sitzen wir hier u. Dr Christ kennt niemanden im Konsulat, sodaß er uns auch keine
Empfehlung geben kann.
–21
5. [August]
(Wieder eine Unterbrechung) Genf (ohne Hôtel). Als wir am Nachmittag Prof.
Ganz besuchten (hat der ein schönes Haus mit lauter Füßlis drinnen u. vielen andern
guten Bildern !), hat sich dann alles noch reparieren lassen ! Er telefonierte, verbürgte
sich persönlich u. wir bekamen das Visum. Wir waren aber recht herunter von diesem
Auf u. Ab und d. Abend in Dornach war kaum geeignet uns aufzurichten. Otto Fra-
enkel holte uns im Hôtel ab u. wir fuhren mit d. Elektr[ischen] hinaus u. die Gegend
war lieblich, wie alles um Basel herum. Wir nachtmahlten (sehr schnell) mit den vor
einer Woche erst aus Wien eingetroffenen Eltern, die sehr nett u. harmlos sind. Dr
Otto Fränkel ist eine Art Manager des Goetheanum u. sieht überhaupt aus wie ein
mehr mit Öl als mit Essig abgemachter Goethesalat. Genau der Typ Mensch wie ich
ihn nicht schätze. Dann mit den vielen vielen anderen (zum größten Teil Teilnehmer
d. Tagung) auf vielen steilen Gartenwegen zu dem (hölzernen ?) Theater, an dem die
ringsherum führende breite Wendelterrasse das schönste ist und in d. Tat sehr sehr
schön.) Sie spielten doch an 9 Abenden d. Faust „in dem kein Komma gestrichen ist.“
Wir kamen gerade zu den Szenen „Bewundert viel“ etc. bis zum Tod Euphorions. Es
war das quälendste Experiment an Regie u. Darstellung, das ich je mitgemacht habe,
und daß ich nicht mitten drinnen wegging, ist nur dem Umstand zu verdanken, daß
wir Freikarten in d. ersten Reihe bekommen hatten. (Natürlich war auch das Ehe-
paar Strakosch da, das seit einem halben Jahr in Meran angesiedelt ist. An die Kunst
der Frau u. ihrem gutgemeinten Dilettantismus erinnerte mich überhaupt die ganze
Darbietung. Schauspieler die nicht sprechen können, hinter Oleanderbäumchen links
der Chor, der die kurzen Daktyluszeilen in gleichbleibendem Singsang skandierte, zu
denen Hodlerische Saaltöchter in dem Grün u. Rot von Eisenbahnsignalen um die
orangene Helena Eurythmie trieben. Eine humorlose Tairoffbühne. Ein motorisch
übergeschnapptes Klingerbild. Hinter anderen Oleandern steckte jener, der auf Burg-
theaterisch d. Mephisto sprach, der als Phorkyade oben grau unten den Signalfarbi-
gen tanzte
…)22
Am nächsten morgen fuhren wir sehr früh schon nach Lausanne, wo wir wiede-
rum im Hôtel Jura-Simplon wohnten, aber diesmal wirklich zum letztenmal. Am
Nachmittag bei Cérenville, der leider das Akterl von hinten, das wir photographiert
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien