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Tagebuch 1938/2
mußte. Glück erzählte manches was wir noch nicht gewußt hatten. Dann gingen
wir noch einmal ausgiebig in d. Ausstellung und reisten herüber. Das war Dienstag
den 9. Abend. Am 10. meldeten wir uns bei d. Polizei, bedankten uns bei Degener u.
ließen uns neuerlich eine Empfehl[ung] von ihm, diesmal an d. französ[ischen] Kon-
sul, geben, begrüßten de Vries, der in 14 Tagen Vater werden soll. Er erzählte uns –
ebenso Degener –, daß sich Benesch sehr um eine Stelle bemühe, da seines Bleibens
nicht sei, habe er doch entdeckt, daß er eine Halbarierin zur Frau habe, was er bis-
her nicht gewußt habe [sic !]. Am Nachmittag gingen wir ans französ[ische] Konsu-
lat u. setzten das heute wiederum fort. Degeners sog[enannte] Veronesezeichn[ung]
photogr[aphierten] wir, er hat sie ans Rembrandthuis geschenkt von wegen einer (ver-
meintlichen) Ähnlichkeit mit jener Rembrandtzeichn[ung]. Dort kustodiert ein jun-
ger Mann namens Muller, der ein Rembrandtbüchlein auf Esperanto herausgegeben
hat. Im Vorübergehen kehrten wir bei Boer ein, der eine unbedeutende Ausstell[ung]
einer Ware hat, darunter aber d. großen neuen Rembrandt Esther u. Haman u. Ahas-
ver (u. noch ein vierter (Jüngling) dabei), der jetzt anerkannt wird u. mich eigentlich
fast überzeugt hat. Ein rohes prächtiges Bild. Ellbogen[…]. Man muß den Leyden-
schen Rembrandt in eine neue Ebene rücken. Wir waren schließlich noch kurz im
Reichsmus[eum] u. in der Bibl[iothek] dort, aber zur Arbeit taugte d. Luft hier nur
schlecht. Wir sind auch übernächtig durch zwei Gelsennächte hier – denen schon
zwei Gelsennächte in R’dam voraus gegangen waren. Nicht umsonst sind wir hier
Nachbarn des „Venedigs im Norden“. An guter Post : Brief v. Somary. Vielleicht auch,
daß Trude noch schwankt.26
15. August, Montag.
Wir sind seit vorigen Dienstagabend hier in Haarlem u. gestern abends kamen Burgs
heim. Wir haben d. Tag ruhig verbracht, waren 3 x in A’dam, haben unser franzö s[i-
sches] Visum nochmals angegangen, hoffentlich geht es jetzt. Aber ich sehe, daß ich
alles das schon geschrieben habe. Den Sonntag gestern haben wir gut genützt : haben
d. kleinen Artikel über die Ant[onio] Campizeichn[ung] u. über d. Holbein (Lio-
nardo) zeich n[ung] am Vormittag u. den etwas längeren über das Mailänder Glasfens-
ter geschrieben. Burgs brachten ihren Steuermann mit, der Driess heißt u. immer hier
noch herumsitzt. Ich denk, Herminchen läßt ihn nicht weggehen. Sie bringt immer
neuen Tee u. Kuchen für ihn, das ist sehr rührend zum Anschauen. Alles wirkt hier
sehr beruhigend. Die Spaarne mit ihren geraden Ufern, durch die wir heute, fünf
Brücken passierend, auf der „Gans“ hereingefahren sind. Lugt erwartet uns morgen,
Carla nächste Woche. Donnerstag sollen wir nach Leyden, Freitag ins Teylers Mu-
seum. Alles aber eines nach d. andern. Man gewöhnt sich hier (wie Hans sagt) d.
jüdische Hast ab. Wir haben die meisten Briefe schon beantwortet, jetzt wollen wir
auch wieder d. Kontakt mit d. Kindern u. Freunden enger ziehen. Muße
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien