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Tagebuch 1938/2
Schüppel Kinder*, das sich hinter d. Plachen balgte, führte in d. Wirklichkeit. Da-
heim hab ich mich ausgiebig waschen müssen u. ruh mich jetzt im Bett aus – vor d.
dinner. Richtig : in d. Früh trafen wir Dodgson, der im selben Hôtel wie wir wohnt,
aber vormittag weiterfährt. Er war viele Wochen in Griechenland (mit seinen Nef-
fen), sah glänzend aus, aber schon nahezu ganz taub. Und noch etwas : vorgestern
haben wir mit Burgl in Ramatuelle telephoniert u. uns das Rendezvous für Samstag
gegeben !
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24. [September]
(Lyon, City Hôtel, sehr ruhiges Zimmer. Mit Bad 50 fr.) Der polit[ische] Himmel
wieder ganz umwölkt. Die Entrevue gestern zwischen Hitler u. Chamberlain bis ½ 1
Uhr Nachts, anscheinend unerfreulich (Chamberlain : Ce n’est pas encore la rupture).
Prag hat mobilisiert (da die Polen u. Ungarn Truppen an d. Grenzen schicken), und
gerade jetzt sagte uns der Chauffeur (¼ 11), daß auch in Frankr[eich] d. Mobilisie-
rung angeordnet sei ! Wir verstehen nichts mehr, die Nachrichten, die man bekommt,
sind auch so fragmentarisch. Ich wollt’, wir wären schon mit Burgl beisammen. Was
wird Trude tun ? Wird sie in Paris bleiben ? Flochs wollen ja fort, wenn
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Wir haben uns gestern nach Tisch auf d. Bahnhof in Besançon von Trude ver-
abschiedet, sie fuhr nach Belfort (Paris), wir nach Lyon. Dieses Lyon ist ja so ent-
zückend gelegen von den zwei Rhonearmen durchzogen mit d. Stadthügeln an d.
Ufern. Wir sind sehr lange spazierengegangen u. haben uns über jeden Blick u. jedes
sympathische Detail gefreut, der Burgel wegen. Wir waren schließlich todmüde vom
Laufen, u. der Rotwein beim Nachtmahl u. das Bad nachher u. d. Ruhe der sternkla-
ren Nacht draußen
– kurz wir waren erfrischt, wie schon lange nicht. (Und brauchen’s
auch für alles, was jetzt kommt). Heut früh haben wir uns erst d. Museum angeschaut,
das auf dem Platz d. Rathauses liegt. Aus dem größten Straßenlärm tritt man in
einen großen Hof ein, der als Skulpturengarten eingerichtet ist. Die Leute sitzen
drinnen unter Bäumen u. lesen. Es ist so still, daß mans wohltuend hört. Dort ist der
Zugang zum Museum. Die Bildergal[erie] ist – was d. alten Bilder anbelangt – nicht
sehr groß, aber sehr reizvoll. Viele deutsche Primitive, ein sehr gutes Cranachportrait,
eine Geißelung von Palma Giov[ane], ein schöner (früher) Tintoretto (Kathar[ina],
Marcus, Bapt[ist] vor Maria + Kind) am besten ist d. 19. mit guten Kopien Delac-
roix u. andere nach klassischen Werken. Prachtvolle Z[eichnung]en auch d. 19.
– Wir
sind, um keine Zeit zu verlieren, per Taxi herüber in d. Bibl[iothek] gefahren, aber d.
Bibliothekar est dans la Mairie u. kommt erst um 11, steht dann aber ganz zu unserer
Verfügung. Wir warten
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* Kinderschar
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien