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Tagebuch 1938/2
Wir haben noch ein Stündchen im Museum verbracht, es war aber so wahnsin-
nig finster, dass wir kaum die Originalzeichn[ung]en sehen konnten, mehr von
Gernsheim’s Photos hatten, die uns d. Adjoint nachher wies ! Caféhaus. Viele Illus-
trations zur „Crise“ gesehen. Die Post bringt – noch via Burgs – eine Karte von An-
derl, noch aus Belgrad (18.!), aber schon im Besitz beider Visen und ein Brief (10.)
vom Stoffel. Heut ist Burgls Geburtstag u. so ein Hundewetter !45
10. Okt[ober]
(Seit d. 4. abend in Paris, Hôtel Orleans Palace, 185 Boul. Brune, Paris 14e, 5. Stock
gegen Garten, Schlafzimmer, Arbeitszimmer, Badezimmer, Kofferraum. Sehr edel !)
und heute kommt d. Nachricht über Stoffels job in Baltimore, wissenschaftl[icher]
Statist, event[uell] bis Dezember, event[uell] dauernd, näheres unbekannt, aber jeden-
falls überraschend angenehm ! Wir haben d. Tage bisher zumeist herumlaufend u. in
„unserer Wohnung“ verbracht. Das Wetter war halbtägig schlecht, die Bibliothek zu
(bis zum 15.!), die Museen zu, weil die Schätze erst aus dem bombensicheren Unter-
stand wieder herausgebracht u. aufgestellt werden müssen. Unser Aufenthaltsgesuch
(2 Monate noch) ist günstig erledigt, alle Dokumente eingetroffen, sodaß wir
– eben
jetzt
– beim amerik[anischen] Konsulat vorsprechen konnten. Ein nettes Intermezzo :
Trude hat mir eine
– Hutnadel geborgen. Sie schien mir wertlos u. vor allem vollkom-
men unnütz. Aber immerhin sie zeigte eine Art Punze. Im Vorübergehen verkaufte
ich sie bei einem Goldeinkäufer für 120 frs ! Bis zum letzten Moment war ich über-
zeugt, daß sie aus Messing wäre u. wir uns blamieren würden
…46
Mimi Floch ist in d. Schweiz bei d. Eltern u. Josef sehr beunruhigt wegen seiner
Schwester, die demnächst über d. Grenze kommen soll. Edel wird am 28. Philippa hei-
raten, um dann leichter nach USA auswandern zu können. Der dort ausgegrabene On-
kel wartet schon mit einer Stelle auf ihn. Philippa ist mit d. nächsten Schiff aus Amerika
wieder herübergekommen, als sie von der Erleichterung d. Visums im Heiratsfall hörte.
Gustl ist bereits aus d. Front herausgezogen, Burgl erwartet ihn voll Sehnsucht. Eigent-
lich viele gute persönliche Nachrichten – wenn nicht d. allgemeine polit[ische] Lage so
tief tief deprimierend wäre, daß einem d. Galle auf d. Zunge kommt, nur wenn man
daran denkt. Die Ausnahmsstellung d. Emigranten hat aber ihre guten Seiten : sonst
identifiz[iert] man sich doch mit irgendeinem Land, so aber ist man eigentlich f. keines
verantwortlich, leidet nur f. d. Menschheit als solche, fast wie d. liebe Herr Jesus.47
3. November.
Bayonne, Panier fleuri. Allein. Dazwischen liegt ein Monat Paris. Wir sind mit unse-
rer sehr luxuriösen u. gemütlichen Wohnung zufrieden, ganz eingelebt, als wären wir
schon jahrelang dort. (Ein dunkler Punkt ist nur der Sprung im Spiegel unseres klei-
nen Waschkabinetts, das wir ausschließlich als Küche verwenden. Kochen im Hôtel
ist allerdings verboten u. den Sprung haben wir eben beim Kochen gemacht
…)
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Erica Tietze-Conrat
Tagebücher, Volume II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
Entnommena aus FWF-E-Book-Library
- Title
- Erica Tietze-Conrat
- Subtitle
- Tagebücher
- Volume
- II: Mit den Mitteln der Disziplin (1937–1938)
- Editor
- Alexandra Caruso
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79545-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 346
- Category
- Biographien