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© 2020, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
ISBN Print: 9783847110927 – ISBN E-Lib: 9783737010924
rung von Starkregenereignissen prognostiziert (z.B. Gobiet et al., 2014).
Vorwiegend diese Ereignisse sind für die Auslösung von Wildbach-Über-
schwemmungen und flachgründigen Hangbewegungen verantwortlich. Diese
Prozesskombination kann zu verstärktenMurschüben durch Sedimenteintrag
inWildbachgerinneund temporärenAufstau führen (vgl. Fallbeispiel; Typ 2).
Die »großeUnbekannte« ist dabei die zukünftige Entwicklung des Sediment-
transports imGerinne. ImFallevonquasiunlimitierterSedimentverfügbarkeit
(z.B. im Bereich glazigener Lockersedimente und Talfüllungen) ist mit einer
Zunahme von schadensträchtigen Ereignissen zu rechnen. In Bezug auf den
Sedimenttransport in alpinenGerinnen besteht jedoch noch erheblicher For-
schungsbedarf(Rickenmannetal.,2012)zumalzahlreicheEinflussfaktorenwie
Gerinnerauigkeit, Korngrößenverteilung, step-pool-Morphologie und Sedi-
mentverfügbarkeit noch nicht zur Gänze verstanden sind (Church und Zim-
mermann,2007;Nitscheet al., 2012).
Nur wenige gängigeModelle können diese komplexen Faktoren sowie die
Mobilisierung größerer Sedimentmengen adäquat abbilden. Ausbruchsfluten
(GLOFs, Typ 3a) durch verstärkte Gletscherschmelze können eine lokale Ge-
fährdung darstellen und eine Kaskade von Folgeprozessen hervorrufen. Auf-
grund der recht geringen prozentualen Gletscherfläche im österreichischen
AlpenraumstehendieseproblematischenGebietemeist unter verhältnismäßig
intensiver Beobachtung. Kartierungen und Modellierungen zeigen überdies,
dass sichhäufig imeisfreiwerdendenGletschervorfeld temporäre Seenbilden
werden, die als Puffer zumindest in Bezug auf den Sedimentaustrag dienen
können(CarrivickundTweed, 2013).
Aufgrund des individuellen und vielfältigen Charakters möglicher Kaska-
deneffekte sind pauschale Aussagen zu Handlungsoptionen wenig sinnvoll.
Zukünftige Forschungsaktivitäten sollten sich allgemein stärker um eine in-
tegrative Betrachtung verschiedener Prozesse und ihrer Interaktionen in nu-
merischenModellen bemühen (Worni et al., 2014) und dabei auch geomor-
phologische Überlegungen zur Kopplung und Entkopplung von Prozessen
einfließen lassen (z.B. Brierley et al., 2006; Bracken et al., 2013; Pöppl et al.,
2017; Rascher et al., 2018). Die aktuell beobachtbareReaktion auf schadbrin-
gende Naturgefahrenereignisse ist der deutlich vergrößerte Neubau von
Schutzbauwerken (Retentionsdämmenetc.) fallsdiesebeschädigtwurdenoder
sichalszukleinerwiesenhaben.DieseStrategieistnaheliegend,stößt jedochan
ihreGrenzen,unter anderemdaderaufwändigeUnterhalt zu einerSpirale von
Folgekostenführt(z.B.Thaleretal.,2018).WieauchbeianderenNaturgefahren
sind raumplanerischeMaßnahmen (Freihaltenpotenziell betroffener Bereiche
vonpermanenterNutzung)undpunktuelleFrühwarnsystemehäufigdiebessere
Option.BeideStrategienerfordern jedocheinvertieftesProzessverständnis.
EinschätzungdesSachstandesundderUnsicherheiten 617
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND 4.0
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ExtremA 2019
Aktueller Wissensstand zu Extremereignissen alpiner Naturgefahren in Österreich
- Title
- ExtremA 2019
- Subtitle
- Aktueller Wissensstand zu Extremereignissen alpiner Naturgefahren in Österreich
- Authors
- Thomas Glade
- Martin Mergili
- Editor
- Katrin Sattler
- Publisher
- Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1092-4
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 778
- Category
- Geographie, Land und Leute