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Kapitel 4: Der Streit mit Papst Paul IV. – Neue Begründung des
Kaisertums308
optime gerendas natus esse videatur, saluti equidem desperare nequeo“360. Fer-
dinand als Hoffnungsträger! Obwohl Pflug keinen Zweifel aufkommen läßt,
daß trotz aller Mängel, die er nicht bestreitet, es nur eine Kirche als Braut Chri-
sti geben könne und das die katholische sei, daß mithin die Trennung von ihr
ein falscher Weg war und ist361, läßt sich sein Ausklammern des Papsttums als
eine subtile Argumentation für ein von Rom unabhängiges, vom Haus Habs-
burg verwaltetes Kaisertum der Deutschen interpretieren.
Die beiden Denkschriften des Lazarus von Schwendi sind erst in den Jahren
1570 und 1574 verfaßt worden und an Kaiser Maximilian II. gerichtet362. Es
handelt sich nicht um staatstheoretische oder reichspublizistische Abhandlun-
gen, sondern Schwendi möchte mit ihnen die praktische Politik des Kaisers
beeinflussen. Im Tenor und der Gedankenführung sind sie sehr ähnlich, inso-
fern lassen sich Schwendis Vorstellungen von Kaiser und Reich aus ihnen er-
kennen, und jüngst ist gezeigt worden, daß sich die Grundzüge schon in den
fünfziger Jahren ausgebildet haben363. Die beiden Memoranden sind hier nicht
darum von Interesse, weil sie besonders originell wären, sondern weil Schwendi
darin die Politik Ferdinands als den Bedürfnissen des Reiches besonders ad-
äquat lobt und sie Maximilian als fortsetzungswürdiges Vorbild anempfiehlt.
Damit bejaht er die Art, in der Ferdinand das Kaisertum ausgefüllt hatte.
Schwendi, der jahrelang in den Diensten Karls V. gestanden und für ihn wichti-
ge politische Aufträge im Reich durchgeführt hat, gehörte nicht zum politi-
schen Beraterstab Ferdinands, der den zuverlässigen Anhänger des Hauses
Habsburg erst 1563 aus Verpflichtungen gegenüber der niederländischen Regie-
rung gelöst und nach Wien gezogen hat364. Doch stand Schwendi mit mehreren
Mitarbeitern Ferdinands, namentlich Seld, Zasius und Ilsung, auf vertrautem
Fuß, mit ersterem hat er während dessen Brüsseler Zeit zusammengearbeitet.
Schwendis Affinität zu manchen Gedankengängen Selds ist schon früher festge-
stellt worden, wenn auch offenbleiben muß, ob er dessen große Denkschrift für
Ferdinand gekannt hat365.
Viel stärker als Seld betont Schwendi die Beschränkung des Kaisers auf das
Reich, auf Deutschland. Auch wenn man den Zweck seiner ersten Denkschrift
berücksichtigt, der Politik Maximilians II. für den kommenden Reichstag die
Richtung zu weisen, ist die Absage an nahezu alle über das Reich im engeren
Sinne hinausgehenden Aktivitäten bemerkenswert. Darin besteht ein wesentli-
360 Pflug, S. 49
361 Pflug, S. 51ff
362 Lanzinner, Denkschrift, bietet eine sorgfältige Edition der Ausarbeitung von 1570 und in der
Einleitung einen kritischen Überblick über die bisherige Literatur und den Forschungsstand.
Für das Memorandum von 1574 benutze ich den Druck von Frauenholz. Schnur hat letztens
Schwendi als den bedeutendsten politischen Denker im Reich in der 2. Hälfte des 16. Jahrhun-
derts gewürdigt, was mir zu hoch gegriffen scheint.
363 Vgl. Mohrmann, der dazu Schwendis Briefwechsel mit Heinrich dem Jüngeren untersucht hat;
gegen Teile von Mohrmanns Interpretation hat Lanzinner, Denkschrift, S. 144 Anm. 21 berech-
tigte Einwände erhoben.
364 König, Schwendi, S. 58f; Lanzinner, Denkschrift, S. 145; Nicklas, S. 100
365 König, Schwendi, S. 115 Anm. 58 hat das vermutet. Angesichts des vertraulichen Charakters der
Denkschrift halte ich es für unwahrscheinlich.
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien