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Kapitel 4: Der Streit mit Papst Paul IV. – Neue Begründung des
Kaisertums310
Tendenz beiläufig verstärkt373, aber die Komponente, daß der Kaiser auch „ad-
vocatus ecclesiae“ sei, ist bei Schwendi nicht mehr vorhanden, das Wohl des
Reiches hat als kaiserliche Aufgabe absolute Priorität374. Damit zog er für das
Kaisertum die Konsequenz aus den letztlich gescheiterten Bemühungen Kaiser
Ferdinands, mit der Kurie zu einem Konsens über eine Kirchenreform zu
kommen, die den Protestanten die Möglichkeit zur Rückkehr offengelassen
hätte.
Verlauf des Streits nach dem Tod Karls V.
Der Tod Karls V. am 21. September 1558, von dem Ferdinand aber erst im No-
vember erfahren hat375, veränderte die Situation insofern, als aus habsburgischer
Sicht der Streit um Gültigkeit oder Nichtigkeit der Frankfurter Proklamation
seine praktische Bedeutung verloren hatte. Indessen gab Paul IV. am 12. De-
zember anläßlich der Exequien für Karl V. öffentlich die Erklärung ab, für ihn
sei Karl als Kaiser gestorben und die Befähigung des Römischen Königs Ferdi-
nand zum Kaisertum müsse noch überprüft werden376. Gegenüber Vargas be-
kräftigte der Papst den Anspruch, Vikare einzusetzen, wobei er sich zu der
Aussage verstieg, die päpstliche Haltung sei „verdad catolica“377. So blieb für
Kaiser Ferdinand die Notwendigkeit bestehen, seinen Standpunkt ebenfalls
öffentlich zu wahren. Das angemessene Forum dafür war der Reichstag, auf
dem Ferdinand die Kurfürsten gleich nach der Eröffnung mit dem Thema be-
faßt hat.
Sehr willkommen war es Ferdinand, daß König Heinrich II. von Frankreich
sich nicht auf die kuriale Linie begab; die päpstliche Haltung fand offenkundig
bei keiner führenden katholischen Macht Resonanz378. Schon Ende November
hatte der Valois sich entschlossen, um Zulassung und Freigeleit für eine Ge-
sandtschaft zum bevorstehenden Reichstag nachzusuchen, um dem Kaiser zur
Erhebung gratulieren und seine freundliche Gesinnung gegenüber dem Reich
ausdrücken zu können379. Eigentliches Ziel des Königs war natürlich, die nicht
zuletzt durch Ferdinands Einwirkung auf die Kurfürsten fast zum Erliegen
gekommenen Kontakte zu Reichsständen wieder anzuknüpfen380. Als ein He-
rold das französische Ansinnen in Augsburg überbrachte, nahm Ferdinand den
sich bietenden Vorteil wahr und entschied, das Geleit zu bewilligen. Seld hat die
373 Frauenholz, S. 24
374 Vgl. Luttenberger, Kirchenadvokatie, S. 223f
375 Sein Beileidschreiben an Philipp II. ist vom 18.11.1558 datiert (CDI 2, S. 520f); aus seinem Brief
v. 2.11.1558 (ebda, S. 518ff) geht hervor, daß die Todesnachricht Wien noch nicht erreicht hatte.
376 Schmid, S. 30f. nach Ribier 2, S. 774f. u. S. 797; Reimann, Streit, S. 312; Pastor, Päpste 6, S. 578
377 HHStA Wien, Spanien, Diplomat. Korr. 5, fol 50r-52r: Vargas an Philipp II., Rom, 8.1.1559
(Kopie).
378 Auch von Polen war kaum eine prokuriale Stellungnahme zu befürchten, denn es gab damals
etliche Irritationen zwischen dem Papst und dem polnischen König, vgl. dazu Zivier, S. 732f.
379 Ribier 2, S. 772ff; Pariset, S. 186
380 Das zeigt die Instruktion für die Reichstagsgesandtschaft vom März 1559 (Ribier 2, S. 785ff,
referiert bei Barthold, S. 264f).
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien