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Verlauf des Streits nach dem Tod Karls V. 311
Erwägungen im Rat des Kaisers überliefert: „Dann ob wol der König von
Frankreich dem haus von Osterreich bisher nitt zum besten gewesen, nicht
desto weniger dieweil er noch zur zeitt nitt irer Mt. offner veind und allain irer
Mt. des kayserthumbs halben beger zu congratuliern, welches dann irer Mt. in
der irrung, so sie mit der Bap. H. hatt, nitt wenig zu guttem kommen möcht, so
künd ir Mt. nit wol abschlagen, die gesandten doch zu hörn“381. Neue Nach-
richten aus Rom über Konspirationen des dortigen französischen Gesandten
mit dem Papst, Ferdinand das Kaisertum zu nehmen und den allerchristlichsten
König zum Kaiser zu erklären, konnten nun gelassen zu den Akten gelegt wer-
den382. Am französischen Hof ist sogar erwogen worden, sich als Vermittler
zwischen Papst und Kaiser anzubieten, um das eigene politische Ansehen bei
Kaiser und Reich zu vermehren, und deswegen beim Kardinal von Augsburg,
der den Gedanken angeregt zu haben scheint, zu sondieren, ob der Kaiser daran
Interesse habe383.
Der Vortrag, mit dem die Kurfürsten über den Stand des Konfliktes mit Paul
IV. informiert wurden384, dokumentiert, daß Ferdinand sich die Auffassung
seines neuen Vizekanzlers und seiner anderen Räte zu eigen gemacht hat, jegli-
chen Anspruch des Papstes auf Superiorität über das Reich in weltlichen Din-
gen zu verneinen385. Für diese Position wurde auch gar nicht mehr der Rat der
Kurfürsten erbeten, vielmehr betonte Ferdinand mehrmals die Unantastbarkeit
der Ehre und der Rechte des Reichs. Auf die in Selds Gutachten bereitgestellte
eingehende Beweisführung wurde indessen verzichtet, die Ausführungen be-
schränkten sich auf nur wenige Aspekte und orientierten sich vor allem an Selds
taktischen Überlegungen im letzten Abschnitt seiner Denkschrift: Einleitend
wurde beklagt, daß eine offizielle Antwort auf Gúzmans Botschaft immer noch
nicht erteilt sei und alle Versuche, den Papst von seiner „Hartsinnigkeit“ abzu-
bringen, erfolglos geblieben seien. Die Anfechtung des Frankfurter Staatsaktes
wurde mit den Feststellungen zurückgewiesen, daß dort ein päpstlicher Nunti-
us zugegen gewesen sei und daß die Auffassung, Resignation und Übernahme
des Kaisertums hätten vor dem Papst erfolgen müssen, durch keinen Präze-
denzfall gestützt werde. Ferdinand fügte hinzu, er habe bisher nicht erkennen
können, „in welichen rechten, so anders ir. Mt. binden mecht, solich vermeint
angeben gegrundt“, und selbst wenn er persönlich hierin zu Konzessionen be-
reit wäre, „so wurden doch churfürsten, fürsten und gemaine stendt des reichs
soliches ir Heiligkeit einzuraumen nit leichtlich zu bewegen sein“386. Ebenso
381 BHStA München, KÄA 4306, fol 282r/v: Seld an Albrecht von Bayern, Augsburg, 2.2.1559
382 HHStA Wien, Rom, Varia, Karton 2, Konvolut 1559, fol 4r-5v, undatiert (ca. Februar 1559)
383 Ribier 2, S. 788f: Zusatzinstruktion für die französische Gesandtschaft zum Reichstag v.
13.3.1559; Platzhoff, Frankreich, S. 459, glaubte an eine kursächsische Anregung.
384 HHStA Wien, MEA WuKA neu 3, fol 13–21: Romischer Kay. Mt. erster furtrag... belangend
die irrung zwischen Bap. Hay. und irer Mt. von wegen acceptation des Kayserthumbs“ (Kopie);
Auszug bei Bucholtz 7, S. 413–415; Referat bei Kleinheyer, Abdankung, S. 131f; besprochen
von Reimann, Streit, S. 316, Leeb, Reichstagsgeschehen, S. 251, Luttenberger, Kurfürsten, S. 87f
385 Da sich eine Kopie in Ferdinands Nachlaß befunden hat, nehme ich an, daß der Kaiser den
Wortlaut gebilligt hat (HHStA Wien, AB 341: Fragment eines Nachlaßinventars aus dem Jahr
1564, fol 24v).
386 fol 16r
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien