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Kapitel 5: Der Reichstag in Augsburg
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er selbst sich gerade aufhalte, mithin müßten Kläger und Beklagte an seinem
Hof erscheinen. Es war nicht anzunehmen, daß die Protestanten sich darauf
einlassen würden, denn sie hätten dem Kaiser damit das letztinstanzliche Urteil
zugestanden, während sie es gewesen waren, die 1555 das Interpretationsrecht
des Kaisers aus dem ersten Entwurf im Fürstenrat eliminiert hatten.
Die Kalkulation des Kaiserhofes ging diesmal nicht auf. Die Protestanten ak-
zeptierten zwar die Überweisung an den Deputationstag, stellten aber die Be-
dingungen, daß er paritätisch besetzt werden müsse – damit beharrten sie auf
ihrem Anspruch nach völliger Gleichbehandlung beider Konfessionen – und
daß der Kaiser das Kammergericht anweise, seine in anhängigen Fällen erlasse-
nen Mandate bis zum Ende des Deputationstages zu sistieren108. Dagegen ge-
lang es nicht, die Zustimmung der katholischen Stände zu gewinnen, obwohl
Ferdinand zuletzt noch persönlich mit ihnen darüber verhandelt hat109. Zwei-
mal lehnten sie schriftlich den Vorschlag als untunlich ab. Neben den pragmati-
schen Einwand, der Deputationstag werde überfordert, weil er die streitenden
Parteien dann anhören, also selbst einen Prozeß durchführen müsse, setzten sie
das grundsätzliche Argument, daß im Religionsfrieden die alleinige Zuständig-
keit des Reichskammergerichts fixiert war, dabei müsse es bleiben, damit „Ju-
stitia und das recht unverhindert bleib, seinen gestrackhten lauff und furganng
hab und behalt“110. Am 13. August mußte Ferdinand den Protestanten einge-
stehen, daß seine Bemühungen erfolglos geblieben waren, ohne ihnen eine neue
Lösung anzubieten111.
Das gab den Protestanten die Gelegenheit, sich in ihrem abschließenden
Votum darüber zu entrüsten, daß ein „treuhertzig und vetterlich bedenken“ des
Kaisers bei den katholischen Ständen nur ein „geringes ansehen gehabt“ ha-
be112. Gewichtiger als diese Polemik war aber, daß sie die Kontroverse als eine
Angelegenheit der politischen Instanz im Reich bezeichneten: „die interpretati-
on und erclärung des auffgerichten religionsfridens [steht] bey der Kay. Mt.
und den stenden des reichs“, also beim Reichstag, hilfsweise bei dessen Depu-
tierten. Zugleich machten sie Front gegen die Tendenz, die 1555 in Augsburg
beschlossene Fassung des Religionsfriedens gleichsam als sakrosankt zu be-
trachten, indem sie feststellten, es bedeute nicht, ihn „disputierlich und zweif-
felhafftig“ zu machen, wenn der Deputationstag überprüfe, ob daran etwas
„gebessert oder erleuttert“ werden müßte, denn das täte man ja bei anderen
Reichsordnungen auch. Sie sahen daher keinen Anlaß, von ihren letzten Anträ-
108 HHStA Wien, RK RTA 42, fol 187r-189r mit Dorsalvermerk (fol 190v): „Gravamina der Con-
fessionisten“; auf kaiserlichen Befehl am 27.7.1559 den katholischen Ständen zur Stellungnahme
zugeleitet; ein zweites Exemplar fol 179r-181r.
109 Mayer, S. 246: Schreiben Hundts an Herzog Albrecht, Augsburg, 13.8.1559; vgl. auch den bei
Bucholtz 7, S. 452 in der Anmerkung referierten Brief des niederösterreichischen Kanzlers Wal-
dersdorf vom 15.8.1559 mit seiner scharfen Kritik an der ablehnenden Haltung der Katholiken.
110 Ihre Stellungnahmen vom 5.8. und 12.8.1559 im HHStA Wien, RK RTA 42, fol 182r-185r und
fol 191r-194r; das Zitat fol 193v
111 HStA Marburg, PA 1276, fol 101r/v: Protokoll des Vizekanzlers Scheffer vom Augsburger
Reichstag 1559 (Reinschrift), Eintrag zum 13.8.1559
112 HHStA Wien, RK RTA 42, fol 202–205+201: Eingabe der evangelischen Stände, mit Vermerk
„lectum 16. Augusti“.
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien