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Beratung der Türkenhilfe 339
der „disciplina cleri“ im argen liege, er betonte auch, daß Meldungen aus Rom
keinen Zweifel an der Aufgeschlossenheit des Papstes für derartige Reformen
ließen130 und daß dadurch dem angestrebten Konzil in keiner Weise präjudi-
ziert würde. Damit wollte er offensichtlich eine Rückzugslinie für weitere Ver-
zögerungen abschneiden. Seine Berechtigung zu dieser Ermahnung leitete Fer-
dinand aus seinem kaiserlichen Amt ab und warnte, Gott könne durch die in
letzter Zeit noch schlimmer gewordenen Mißstände so erzürnt werden, daß er
sich ganz abwenden, sein Wort und die Religion „wie mit andern Nationen
schrecklicher Weise geschehen, gar von uns hinwegnehmen und auf andere
transferiren möcht“131. Die geistlichen Stände verwiesen in ihrer Antwort auf
mehrere seit 1548 abgehaltene Synoden, räumten aber ein, daß es an der
Durchführung der Beschlüsse gemangelt habe, und überreichten die inzwischen
vollendete Überarbeitung der „Formula Reformationis“132. Aber allein durch
ein Papier und die Bekundung guten Willens war Ferdinand nicht zufriedenzu-
stellen, er wiederholte seine Mahnung, die als richtig erkannten Maßnahmen
nun auch durchzuführen: Die Erkenntnis, was gut und böse sei, reiche nicht
aus, man müsse auch praktische Schritte zur Belohnung der Guten und zur
Austilgung des Bösen tun133. Er handelte sich damit die ressentierte Entgeg-
nung ein, die geringen Erfolge der „Notula reformationis“ und der Visitationen
seien nicht zum wenigsten darauf zurückzuführen, daß die Bischöfe vielerorts
die Geistliche Jurisdiktion nicht mehr ausüben dürften134, eine indirekte Kritik
an seinem eigenen Verhalten als Landesherr. Jedoch einigten sich die Geistli-
chen darauf, daß nach dem Ende des Reichstages die Metropoliten umgehend –
ohne auf das Vorgehen der Kollegen zu warten – ihre Diözesanbischöfe zu-
sammenrufen und zur Umsetzung der revidierten Notula verpflichten soll-
ten135. Mehr konnte Kaiser Ferdinand einstweilen nicht erlangen.
Beratung der Türkenhilfe
Im Blick auf den zweiten Hauptpunkt der Proposition, die Türkenhilfe, trat
wenige Tage nach der Eröffnung des Reichstages eine überraschende Änderung
der Prämissen ein. Zuerst kamen Meldungen, der Sultan habe ein Friedensange-
bot auf den Weg gebracht, und am 24. März traf der von Süleyman gebilligte
Entwurf eines Friedensvertrages in Augsburg ein136. Weniger die einzelnen
Bedingungen als die Tatsache des Friedensangebots waren für die Verhandlun-
gen mit den Reichsständen von Bedeutung, denn nun brauchte man in diesem
130 Auch diese Bemerkung zeigt, wie gut er über die Vorgänge in Rom informiert war; seit Paul IV.
sich von seinen Nepoten getrennt hatte, war die Reform ganz ins Zentrum seines Interesses ge-
rückt (Pastor, Päpste 6, S. 488).
131 Bucholtz 7, S. 434
132 HHStA Wien, ebda, fol 52r-54v: Antwort der geistlichen Stände, undatiert; kurze Angaben bei
Bucholtz 7, S. 436 u. Pfeilschifter, S. 323
133 HHStA Wien, ebda, fol 56r-57r u. fol 30r-31v (Konzept), Referat bei Bucholtz 7, S. 438f
134 HHStA Wien, ebda, fol 58r-59v: zweite Antwort der geistlichen Stände, undatiert
135 Nebenabschied vom 18.8.1559, Teile gedruckt bei Pfeilschifter, S. 324f
136 Holtzmann, S. 339; das Datum sichert Martels, S. 229.
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien