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Kapitel 5: Der Reichstag in Augsburg
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als wenig vorteilhaft erweisen, weil dadurch die Zerstrittenheit der führenden
livländischen Politiker sichtbar wurde, obwohl sie an den Reichstag dasselbe
Anliegen hatten163.
Der Reichstag zeigte sich zunächst wenig beeindruckt. Erst als Sieberg drei
Wochen später bei Ferdinand vorstellig wurde und in einer eingereichten Supp-
lik nachdrücklich darauf hinwies, wenn ihnen nicht bald geholfen würde, müß-
ten die livländischen Stände, um nicht dem „Erbvheindt christlichs nhamens
dem Moschowiter“ in die Hände zu fallen, durch Unterwerfung bei den be-
nachbarten christlichen Herrschern ihr Heil suchen164, also mit dem Ausschei-
den aus dem Reich drohte, ließ der Kaiser die Stände auffordern, alsbald dar-
über zu diskutieren, ob man eine Gesandtschaft nach Moskau zu Verhandlun-
gen über einen Frieden oder Anstand in Livland schicken solle, da „periculum
in mora“ sei165. Sieberg wußte wohl nicht, daß eine dänische Gesandtschaft in
Moskau im April einen auf sechs Monate befristeten Waffenstillstand erreicht
hatte166, denn er bat nochmals um eine Unterstützung durch Truppen; seine
Warnung dagegen hatte insofern einen realen Kern, als in den Verhandlungen
mit Dänemark wie mit Polen bereits von „subjectio“ oder „subjectio in parte“
die Rede war167, auch wenn die Livländer in den Entwürfen die Genehmigung
durch den Kaiser vorbehalten wollten168.
Der Fürstenrat setzte nun einen Ausschuß ein, der erörtern sollte, ob den Liv-
ländern geholfen werden solle und auf welche Weise das geschehen könne. Es
ist bezeichnend, daß weder Österreich noch Bayern in dem Gremium saßen, die
meisten Sachkenntnisse vermochte wohl Pommern beizusteuern. Der Ausschuß
bejahte die grundsätzliche Frage, weil Livland zum Reich gehöre, und fügte
hinzu, die Unterlassung von Hilfe werde den „Moskowiter“ ermutigen und
stärken oder für Polen eine „occasio“ schaffen. Sodann wurden drei Möglich-
keiten der Hilfe besprochen: (1) „einen gewaltigen gegenzug“ zu unternehmen,
(2) Schreiben an den Zaren zu richten, (3) eine Gesandtschaft nach Moskau. Der
erste Weg sei zwar der beste und sicherste, scheide aber wegen der Erschöpfung
der Reichsstände und der langen Zeit, die man für die Aufstellung eines Heeres
benötige, aus. Eine schriftliche Intervention sei wohl nutzlos, man werde nur
Schreiben und Worte zurückbekommen. So sei eine Gesandtschaft wohl am
ehesten erfolgversprechend, zumal der Zar an sich mit dem Reich in Freund-
schaft leben wolle; der Kaiser solle aber versuchen, die Könige von Spanien,
Polen und Dänemark zu gleichzeitigen diplomatischen Aktionen zu bewegen.
Am wichtigsten war die abschließende Empfehlung, da auch eine Gesandtschaft
viel Zeit beanspruche, solle man die Livländer mit einer „defensiv Hilff“ unter-
163 Das hat Johann Albrecht von Mecklenburg dem Reichstag auch zu erklären versucht (Schirren 3,
S. 162f).
164 MLA 5, S. 708f (mit Vermerk, daß der Kaiser die Weiterleitung an die Stände angeordnet hatte)
und S. 709f; Reimann, Verhalten, S. 353f
165 HStA Marburg, PA 1276, fol 148r: Eintrag zum 18.5.1559
166 Kirchner, S. 106; Rasmussen, S. 133
167 Tiberg, S. 157
168 Vgl. z.B. Schirren 9, S. 130–137: Entwurf eines Schutzbündnisses mit Dänemark, v. 16.9.1558;
Rasmussen, S. 117f
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien