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Beratung über die Restitution der lothringischen Bistümer und Städte 347
treiben182. Daß Heinrich II. daran gelegen war, wieder engere Kontakte zu den
Reichsständen zu knüpfen, wobei er in erster Linie an die führenden protestan-
tischen Fürsten dachte183, war leicht zu durchschauen. Französischerseits sah
man voraus, daß Ferdinand als neuer Kaiser die Okkupation der lothringischen
Stifte und Städte Metz, Toul und Verdun thematisieren würde und diese Frage
sowie die eigenen engen Beziehungen zur Pforte die Annäherung erschweren
konnten. Die Gesandten erhielten daher die Weisung, sich zum ersten Punkt als
nicht instruiert zu erklären und die Kontakte zum Sultan herunterzuspielen184.
Für Ferdinand, der die Restitution der besetzten Gebiete an der Westgrenze als
Angelegenheit charakterisierte, um die er sich von Amts wegen kümmern müs-
se185, stellte sich das Problem, ob die Reichsstände auf einen gemeinsamen Kurs
zu bringen waren, namentlich die umgehende Freigabe zur Voraussetzung
künftiger guter Beziehungen zwischen Frankreich und dem Reichsoberhaupt
sowie sämtlichen Gliedern des Reichs zu erheben. Es gelang ihm diesmal von
Anfang an, die offiziellen Kontakte der französischen Gesandtschaft zum
Reichstag und dessen Stellungnahmen unter Kontrolle zu halten.
Das zeigte sich schon bei der Terminabsprache für den Empfang der Franzo-
sen186. Am 11. März wurde das Gesuch der Gesandten um Gehör, worin sie
zugleich um Aufschub baten, bis noch mehr Stände anwesend wären, dem
Reichstag bekannt gegeben187. Sie hatten nicht nur ein Interesse daran, ein
möglichst großes Publikum zu erreichen, sie wollten auch Zeit gewinnen, denn
sie waren angewiesen, mit Frankreich wohlgesinnten Ständen über ihre Rede zu
beraten188. In der Aussprache der Stände über die Mitteilung übernahmen es
Bayern und Würzburg, den Finger in die offene Wunde zu legen: Sie plädierten
für eine kühle und schnelle Abfertigung der Gesandten, denn der Franzose habe
die Freundschaft des Reiches nicht verdient. Damit war vorgesorgt, daß alle
Stände bei ihren Voten diesen Aspekt mitbedenken mußten. Ferdinands
Wunsch, mit der Audienz nicht allzu lange zu warten, nahm sich daneben mo-
derat aus, und ihm wurde durch die Ansetzung auf den 13. März entsprochen;
wegen einer angeblichen Erkrankung des ersten französischen Gesandten fand
der Auftritt dann drei Tage später statt189. Im Beisein Ferdinands trugen die
französischen Diplomaten die Versicherung vor, ihr König hege gegen Kaiser
und Reich die freundschaftlichsten Gefühle, verbreiteten sich über die gemein-
same Abstammung von Deutschen und Franzosen, gaben der Befriedigung
ihres Herrn über die in Deutschland hergestellte Ruhe und der Hoffnung Aus-
druck, die Friedensgespräche mit Spanien möchten zum Erfolg führen, und
schlossen mit dem etwas peinlichen Versprechen, Frankreich werde sich „pro
182 CDI 98, S. 46: Ph. an Luna, 9.2.1559
183 Pariset, Relations, S. 187; Kurze, S. 131 Anm. 22
184 Die französischen Instruktionen bei Ribier 2, S. 772–774 und S. 785–788
185 HStA Marburg, PA 1275, fol 32r: Bericht v. 7.4.1559, Kopie
186 Die Gratulationsaudienz bei Ferdinand hatte schon vorher stattgefunden.
187 HStA Marburg, PA 1276, fol 3v: Protokoll zum 11.3.1559; vgl. Heidenhain, Beiträge, S. 142
Anm. 177; Ernst, Bw. 4, S. 619
188 Ribier 2, S. 785
189 Hess. Protokoll (wie Anm. 187), fol 5v; Kluckhohn, Briefe 1, S. 36f; Ernst, Bw. 4, S. 619
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien