Page - 364 - in Ferdinand I. als Kaiser - Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
Image of the Page - 364 -
Text of the Page - 364 -
Kapitel 6: Religiöse Eintracht und Reform der
Kirche364
Aktion hatte im Prinzip auch die Zustimmung des Legaten Campeggio gefun-
den und kann keinesfalls ohne Wissen oder gegen den Willen des Kaisers unter-
nommen worden sein. Mithin haben nicht nur spÀtere Betrachter des Religions-
streites den Eindruck, beide Seiten seien sich in Augsburg 1530 besonders nahe
gewesen, sondern auch Zeitgenossen hat der damalige Abbruch nicht einleuch-
ten wollen. Trotz des Scheiterns aller Versuche in Augsburg regte Ferdinand
schon ein halbes Jahr spÀter bei Karl erneut an, mit den Protestanten GesprÀche
zu suchen, wÀhrend er den machiavellistischen Rat des Kaisers, die innerevan-
gelischen Einigungsversuche möglichst zu verhindern, nicht als praktikabel
erachtete29.
Die fortgesetzte Verschleppung der Entscheidung ĂŒber das Konzilsbegehren
durch Clemens VII. verleitete Ferdinand schlieĂlich zu erbosten Andeutungen
gegenĂŒber dem Nuntius Vergerio, denkbar sei auch ein Konzil gegen den Wil-
len des Papstes30. Dadurch wurde seine AffinitÀt zu konziliaristischen Gedan-
ken der Kurie bekannt. Die kurzlebige Idee, seinen engsten politischen Berater,
den Kardinal Cles, als Kandidaten fĂŒr die Tiara ins Spiel zu bringen31, war nicht
nur von der Ăberlegung bestimmt, einen Papst zu bekommen, der fĂŒr den Kai-
ser und Ferdinand âbonus et non contrariusâ wĂ€re32, sondern auch von der
Erwartung, daĂ Cles als Papst sich um die Besserung der bedrohlichen Situation
fĂŒr die katholische Kirche in Deutschland bemĂŒhen werde. In der Folgezeit trat
in Ferdinands Konzilsdenken die innere Reform der Kirche anstelle des ur-
sprĂŒnglich primĂ€ren Ziels, die âlutherische Infektionâ der Kirche zu heilen33,
immer stĂ€rker in den Vordergrund. Nicht zum wenigsten dĂŒrfte sich darin der
EinfluĂ des 1534 als Hofprediger nach Wien berufenen Friedrich Nausea be-
merkbar machen, der in der Einberufungsfrage ebenfalls konziliaristische Ge-
danken vertrat34. Ferner fallen ins Jahr 1534 erste königliche Anordnungen, der
zunehmenden Entfremdung von Klostergut entgegenzuwirken35, nachdem die
schon 1528 von Ferdinand angeordnete Visitation vielerorts bedenkliche Zu-
stÀnde ans Licht gebracht hatte36.
Den grundsÀtzlichen Entschluà des neuen Papstes Paul III., ein Konzil ein-
zuberufen, bewertete Ferdinand positiv und erhob gegen den Tagungsort
Mantua keine EinwÀnde, obwohl er zuerst Trient als besonders geeignet emp-
fohlen hatte, weil die Deutschen dort eher hinkommen wĂŒrden37. Im Sommer
1536 unterbreitete der zu seinen Beratern gehörende Wiener Bischof Fabri in
einer Denkschrift fĂŒr den Papst VorschlĂ€ge, wie das Konzil vorzubereiten sei;
29 F. an Karl, BrĂŒnn, 27.3.1531 (KF 3, Nr. 472, S. 81â87, bes. S. 85; Karls Rat ebda, S. 50)
30 NB I 1, S. 274: Bericht Vergerios v. 6.7.1534; vgl. Jedin, Konzil 1, S. 236; Schutte, S. 78
31 Dazu grundlegend Ausserer, S. 119ff; vgl. Fichtner, Ferdinand I., S. 113
32 So Ferdinand an Cles am 27.8.1534, zitiert bei Ausserer, S. 133f
33 So noch in seinem Schreiben an Karl v. 1.2.1531 (KF 3, S. 13â20, bes. S.16f)
34 Beumer, S. 36 Anm. 79. Zu Nausea ferner Jedin, Reformprogramm, S. 233f, Tomek 2, S. 259ff
sowie die neueren AufsÀtze von G. Ph. Wolf und BÀumer, Nausea.
35 Vgl. Loserth, Reformation, S. 59; nach Kress, S. 17, hat Ferdinand bis in die dreiĂiger Jahre die
Umwidmung reicher Benefizien zugunsten von am Hof tÀtigen Klerikern praktiziert.
36 Vgl. etwa Loserth, Reformation, S. 38ff
37 Erste AbsichtserklÀrung im Schreiben Pauls III. an F. v. 10.2.1535 (NB I 1, S. 330); Ferdinands
Votum fĂŒr Trient v. 8.4.1535 (ebda, S. 350); Schutte, S. 87ff; Jedin, Konzil 1, S. 236
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
back to the
book Ferdinand I. als Kaiser - Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V."
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- MĂŒnster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien