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Ferdinands Positionen während der Regierungszeit Karls V. 371
Bemerkenswert ist das Vorgehen der Habsburger, die katholischen Stände
schon zwei Wochen frĂĽher zusammenzurufen84. Das eine Motiv dafĂĽr war die
Absicht, die katholische Defensivliga, den NĂĽrnberger Bund, zu stabilisieren
und zu erweitern; in der den Katholiken vorgetragenen Proposition hieĂź es,
falls alle Versuche scheitern sollten, die Protestanten zu einem akzeptablen
Vergleich zu bewegen, müsse überlegt sein, „wie die notwendig defension und
gegenwer zu erhalltung unsers waren christlichen glaubens, auch friedens und
rechts im heyligen reich fur handen genomen“ werden solle85. Der andere – in
der Proposition dominierende – Grund war, die Katholiken vorher für den
Konkordienkurs der Habsburger zu gewinnen und mit ihnen abzustimmen,
welche Zugeständnisse an die Protestanten möglich seien86. Doch war Ferdi-
nand angewiesen, in Fragen, die den Glauben und das göttliche Recht berühr-
ten, nur im Einvernehmen mit den päpstlichen Vertretern zu handeln87.
Der von den Herzögen von Bayern angeführte Widerstand gegen diese Poli-
tik bereitete Ferdinand in Hagenau erheblichen Ärger. Er klagte seiner Schwe-
ster Maria, einige Stände wollten nichts anderes als Krieg gegen die Protestan-
ten, statt seine Bemühungen zu unterstützen, alle möglichen Mittel zur Vereini-
gung und friedlichen Beilegung der Streitfragen anzuwenden88. Gegen die in-
transigente Gruppe, die als erstes die Restitution der von den Protestanten ein-
gezogenen geistlichen Güter erörtern wollte, setzte der König mit Hilfe der
„Konfessionsneutralen“ durch, den Protestanten Verhandlungen im Anschluß
an die Augsburger Ergebnisse anzubieten89. Ein Papier wurde erarbeitet, das die
in Augsburg unstrittigen und die kontrovers gebliebenen Punkte anhand der
Confessio Augustana und der Confutatio auflistete90. Aber die Protestanten
lehnten es strikt ab, sich darauf einzulassen und so auf die seinerzeit gemachten
Zugeständnisse, die ja bei Luther und anderen evangelischen Theologen auf
harte Kritik gestoĂźen waren, festgelegt zu werden, vielmehr verlangten sie neue
Beratungen aller Punkte auf der Basis der Confessio Augustana und nach den in
Frankfurt vereinbarten Modalitäten91. So scheiterte der Konvent, ehe Sachge-
spräche zwischen den Konfessionen überhaupt begonnen hatten. Bei der ei-
gentümlichen Verfahrensweise – der König verhandelte nach dem Eintreffen
der Protestanten nicht direkt mit jeder Seite, sondern ĂĽber vier von ihm berufe-
ne fürstliche „Vermittler“ –, konnte Ferdinand sein später mehrfach bewiesenes
Geschick nicht entfalten. Mit Unterstützung mehrerer katholischer Stände
suchte Ferdinand in dem die unĂĽberbrĂĽckten Meinungsverschiedenheiten dar-
legenden Abschied wenigstens die TĂĽr zu einem neuen Anlauf offen zu halten,
84 Sie wurden zum 23. Mai gebeten, die Protestanten zum 6. Juni (NB I 5, S. LXIX mit Nachwei-
sen); wie üblich kam es zu Verzögerungen.
85 ARC 3, S. 138 Anm. 194. Lat. Übersetzung der Proposition bei Raynaldus 32, S. 507–509
86 Vgl. Morones Bericht, Gent, 15.4.1540, bei Dittrich, S. 113ff (Regest NB I 5, S. 170f)
87 Ausdrücklich bekräftigt im Brief Karls an F. v. 9.6.1540 (NB I 6, S. 319f)
88 F. an Maria, Hagenau 16.6.1540 (HHStA Wien, Belgica PA 11/2 (neu), fol 135r-136r; z. T.
ĂĽbersetzt bei Bucholtz 4, S. 356)
89 ARC 3, S. 135 u. S. 148; Luttenberger, Glaubenseinheit, S. 213
90 ARC 3, S. 153–155
91 Auszug aus ihrer Erklärung ARC 3, S. 157 Anm. 220
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- MĂĽnster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien