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Kapitel 6: Religiöse Eintracht und Reform der
Kirche374
kirchenrechtlichen Kompetenzen, und eigentlich hätten sie längst von sich aus
tätig werden müssen108.
Eine andere Folge der Suspension des Konzils war, daĂź sich der Reichstag
wieder mit der Religionsfrage befassen muĂźte. Wegen anderer dringender Pro-
bleme wurde die Sachdiskussion darĂĽber auf dem Reichstag in Speyer (1544)
zurückgedrängt und als zentrales Thema für einen neuen Reichstag im nächsten
Spätherbst vereinbart109. Der Kaiser kündigte eine von Gelehrten erarbeitete
„Christliche Reformation“ an, und den Ständen wurde anheimgestellt, eigene
Vorschläge mitzubringen, die als Beratungsmaterial für eine interimistische
Regelung – nämlich bis zum Konzil – dienen sollten.
DaĂź Ferdinand davon ausging, man werde auf dem neuen Reichstag wieder
in theologische Sachdiskussionen eintreten, beweist sein Ersuchen an die Bi-
schöfe, zu deren Sprengel seine Erblande gehörten, sie möchten die Streitfragen,
insbesondere den „zu Regensburg ubergebnen libell und darauf erfolgte acta“
durch friedliebende Gelehrte erörtern lassen und ihm deren Stellungnahme
vertraulich mitteilen110. AuĂźerdem beauftragte er selbst einige Theologen mit
Gutachten und forderte sie auf, sich fĂĽr eine geplante Vorkonferenz bereitzu-
halten111. Die Reaktionen, die er darauf erhielt, waren wenig ermutigend. Die
Bischöfe weigerten sich, ihm die Ergebnisse ihrer Beratungen zur Kenntnis zu
geben112; Nausea äußerte sich sehr negativ über die Colloquien und warnte
davor, die Konkordienpolitik fortzusetzen113.
Ehe der Reichstag in Worms seine Arbeit begann, hatte Papst Paul III. die
Suspension des Konzils widerrufen und die Eröffnung in Trient für den 15.
März 1545 angesetzt114. Infolgedessen sah Kaiser Karl, für den die Allgemein-
verbindlichkeit des Konzils und seiner Beschlüsse selbstverständlich war, nun
weder für interimistische Regelungen noch für die Erörterung der Religionsfra-
ge durch den Reichstag Bedarf, es wäre denn, das Konzil versagte bei der Kir-
chenreform. Die Proposition bewegte sich auf dieser Linie, die auch von den
meisten katholischen Ständen verfochten wurde115: Abweichend von der An-
kĂĽndigung des letzten Abschieds wurde vorgeschlagen, auf die Behandlung der
Glaubensfrage zu verzichten und abzuwarten, „wie das concilium seinen fur-
gang haben unnd die obvermelt reformation daselbst furgenommen werden
moge“, mit dem Zugeständnis, im Bedarfsfall einen neuen Reichstag anzuset-
zen116. Es gelang Ferdinand, der den erkrankten Kaiser zunächst vertreten
108 F. an de Erzbischof v. Salzburg und den Bischof von Passau, 8.11.1545 (ARC 4, S. 344ff), F. an
den Erzbischof v. Salzburg, 6.12.1545 (ebda, S. 350ff)
109 Neue Sammlung 2, S. 510 (§ 80); zum Reichstag von Speyer eingehend Heidrich 2, S. 32ff; Lut-
tenberger, Glaubenseinheit, S. 264ff
110 ARC 3, Nr. 140, S. 426ff: F. an EB v. Salzburg v. 12.8.1544 (das Zitat S. 428); aus Nr. 144 (S. 431)
geht hervor, daß er auch die anderen Bischöfe angeschrieben hat.
111 Das ergibt sich aus einem Schreiben Cochläus’ an Ferdinand, abgedruckt in ARC 3, Nr. 142, S.
429f
112 ARC 3, Nr. 145, S. 431f
113 s. Anm. 66; vgl. auch Jedin, Reformprogramm, S. 248f.
114 Jedin, Konzil 1, S. 404
115 Vgl. Luttenberger, Glaubenseinheit, S. 303
116 HHStA Wien, MEA RTA 10, fol 61–64 + 71–82, bes. fol 73r
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- MĂĽnster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien