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Ferdinands Positionen während der Regierungszeit Karls V. 375
mußte, in den Wochen bis zu dessen Erscheinen nicht, eine Annäherung der
Standpunkte zu erreichen, da die Protestanten das vom Papst berufene und
unter seiner Leitung stehende Konzil strikt ablehnten117, obwohl der König
sich alle MĂĽhe gab, sie davon zu ĂĽberzeugen, daĂź nur durch das Konzil dem
„schwebenden zwiespalt“ abgeholfen werden könne. Er argumentierte, auch
andere Nationen bedĂĽrften des Konzils, denn viele Menschen verlangten nach
der Kirchenreform, könnten aber ihre Kritik nur dort vorbringen; seine Versi-
cherung, daß „sobald der anfang des concilii gemacht, des papsts gewalt aufhö-
ren und dem concilio unterworfen sein werde; so wurde man auch die unsern
[sc. die Protestanten] nicht sobald verdammen ..., sondern man werde sie ...
genugsam horen“118, sollte sich zwar als Fehlprognose erweisen, war aber kei-
neswegs nur ein taktischer Zug. Vielmehr kommt hier eine grundsätzliche
Überzeugung Ferdinands zum Ausdruck, von der er sich auch während der
dritten Tagungsperiode des Tridentinums leiten ließ, daß nämlich das zusam-
mengetretene Konzil autonom sei.
Überraschend akzeptierte Karl V. – aus welchen Erwägungen auch immer –
den Vorschlag des Pfälzer Kurfürsten, in Regensburg nochmals ein Colloquium
zu veranstalten. FĂĽr die dorthin berufenen katholischen Theologen war es ein
intrikater Auftrag, parallel zum Konzil – am 13. Dezember 1545 wurde die
Kirchenversammlung in Trient eröffnet! – in den strittigen dogmatischen Fra-
gen nach einem Konsens mit den Protestanten suchen zu sollen; sie konnten
und wollten dem Konzil nicht vorgreifen119. Nachdem man eine Weile ĂĽber das
zentrale Problem der Rechtfertigung geredet hatte, scheiterte das Colloquium
im März 1546 an Streitigkeiten über die Geschäftsordnung120. Granvella zog
aus dem Fiasko in einem Gespräch mit Philipp von Hessen die Quintessenz, „es
were mit disen theologen nichts auszurichten, sy weren selzame leute, weren
unter sich selbst irrig, schreiben lange dinge, man solt nemen darzu churfursten,
fursten und andere personen und mittelarticul machen“121. Ob Ferdinand diese
Überlegung, eine politische Lösung zu suchen, jemals bekannt geworden ist, sei
dahingestellt; aber der König hat auch seinerseits danach kein Vertrauen mehr
in Gesprächsergebnisse durch Theologen unter sich gesetzt. Fürs erste befür-
wortete er das kriegerische Vorgehen122, zu dem Karl V. schon vorher im Prin-
zip entschlossen war123.
Mit der Konzentration auf die Beratung der dogmatischen Fragen und der
Verwerfung zentraler evangelischer Auffassungen schlug das Konzil in seiner
ersten Sitzungsperiode jene Richtung ein, vor der Ferdinands Räte 1538 ge-
warnt hatten. Auch der Kaiser hatte noch im Sommer 1545, also einige Monate
vor der Eröffnung, in Rom beantragt, das Konzil zunächst die Reform der Kir-
117 Näheres bei Luttenberger, Glaubenseinheit, S. 316f
118 Brandenburg 2, S. 469: Karlowitz an Herzog Moritz, ca. Mitte Mai 1545; z.T zitiert bei Jedin,
Konzil 2, S. 171f
119 Vgl. Hollerbach, S. 173f. mit Nachweisen
120 Dargestellt bei Hollerbach, S. 176ff.
121 Druffel 3, S. 11
122 F. an Karl, 14.4.1546 (NB I 9, S. 567f)
123 Brandi, Karl V., 1, S. 439ff
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- MĂĽnster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien