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Ferdinands Positionen während der Regierungszeit Karls V. 377
fänden – das lag auf der Linie, die Ferdinand im Mai 1545 gegenüber den Prote-
stanten angedeutet hatte und wurde im Vorfeld der dritten Tagungsperiode von
ihm wieder aufgegriffen. Da sich das Konzil aber noch lange hinziehen könne,
sahen die Räte unmittelbaren Handlungsbedarf im Reich und empfahlen zur
Verhinderung neuerlichen „Abfalls“ für die Zwischenzeit die Ausarbeitung
einer „cristlichen reformation“, die auf die deutschen Bedürfnisse auszurichten
wäre, durch geeignete Gelehrte131; der Weg sei gangbar und nicht zeitaufwen-
dig, weil nach dem Urteil erfahrener Theologen die strittigen Artikel schon
lange und gründlich diskutiert und angenähert wären. Da die Liste der von
Ferdinands Räten für die Ausarbeitung Vorgeschlagenen ausschließlich Katho-
liken aufführte, war offenkundig nicht an ein zwischen den Konfessionsparteien
auszuhandelndes Einigungspapier gedacht. Das Ergebnis sollte vielmehr Papst
und Konzil vorgelegt, von ihnen „verhoffenlich approbiert oder tolleriert“ und
ebenso von möglichst vielen protestantischen Ständen akzeptiert werden. Die
Anregung, auch Spanier, Italiener und Franzosen heranzuziehen, war wohl nur
eine Geste, denn es ging ja darum, das Papier von Leuten erarbeiten zu lassen,
die die deutschen Verhältnisse besser kannten als die Konzilsväter. Als geeig-
nete Personen für die Erarbeitung der „Reformation“ benannten die Räte einer-
seits eine Gruppe von Ferdinand als Berater nahestehenden Bischöfen und
Theologen, darunter Bischof Wolfgang von Passau, Nausea, Witzel und seinen
Wiener Hofprediger, andererseits alle zuletzt vom Kaiser als katholische Teil-
nehmer am Regensburger Colloquium Ausersehenen132. Insgesamt überwogen
darin zum Ausgleich neigende, erasmianisch geprägte Katholiken die streitba-
ren Kontroverstheologen.
Ziel dieser „Reformation“ war also unverkennbar, bis zum noch nicht ab-
sehbaren Abschluß des Konzils im Reich wieder ein gewisses Maß an religiöser
Einheitlichkeit herbeizuführen. Was dem Ratschlag allerdings fehlte, waren
Überlegungen, wie die Stände, insbesondere die Protestanten, deren Mitarbeit ja
nicht vorgesehen war, zur Annahme bewogen werden sollten.
Ferdinand hat sich die Überlegungen seiner Räte ganz zu eigen gemacht. Den
die Religionsfrage betreffenden Teil des Gutachtens gab er schon am 19. Febru-
ar 1547 in nahezu wörtlicher Übersetzung an den Kaiser weiter, auch den Hin-
weis auf die Gefahr, die Früchte des Sieges zu verlieren133. Die einzige wesentli-
che Änderung des Königs betraf die Theologenliste, aus der er nur die von Karl
V. für Regensburg Angeschriebenen übernahm. Einen Monat später erinnerte
er den Bruder, er möge ohne weiteren Verzug die Gelehrten zusammenrufen,
damit sie die Zeit bis Kriegsende nutzen könnten134.
131 Auch das war keine neue Idee; nach der kaiserlichen Ankündigung im Abschied des Speyrer
Reichstags war am 1.5.1546 ihre Umsetzung durch Aufträge an Gropper, Helding und Pflug
eingeleitet worden (ARC 6, S. 151f; Pollet, Pflug, S. 201). Eine Situationsanalyse bei Lutz, Re-
formatio, S. 229f.
132 Aufschlüsselung der Liste ARC 5, S. 24
133 ARC 5, S. 29f: F. an Karl, Aussig, 19.2.1547. Vorher bei Bucholtz 9, S. 407f u. 5, S. 558ff (dt.
Rückübersetzung)
134 ARC 5, S. 30f: F. an Karl, Dresden, 17.3.1547; vgl. Bucholtz 5, S. 561 Anm.
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien