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Kapitel 6: Religiöse Eintracht und Reform der
Kirche388
gewinnen zu müssen meinte? Ferner mußte eine angemessene Anhörung der
Protestanten gewährleistet sein. Das lief auf eine Neuansage hinaus, damit die
während der ersten Tagungsperiode in Trient beschlossenen Verurteilungen
zentraler protestantischer Glaubenssätze zur Disposition gestellt werden
konnten. Hierzu ist festzuhalten, daß Ferdinand in keiner seiner bekannten
Verlautbarungen vor Juni 1560 von einem neuen Konzil gesprochen hat.
Wie häufig in der Politik wurde ein vordergründig erscheinendes Problem –
hier die Wahl des Tagungsortes – zum Kristallisationskern für eine grundsätzli-
che Entscheidung, in welchem Verhältnis nämlich die angestrebte Kirchenver-
sammlung zu dem bislang Fragment gebliebenen Konzil von Trient stehen
sollte. Eine Einigung darüber wurde zwischen Kaiser und Papst bis zur Eröff-
nungssession nicht erzielt, der Dissens sollte die Konzilsarbeit längere Zeit
belasten. Dabei geriet Ferdinand, weil er anfangs anscheinend zu vage geblieben
ist, gegenüber dem seine Vorstellungen schneller konkretisierenden Papst in die
Defensive.
Schon bald ließ Pius IV. durchblicken, daß er an die Weiterführung des Tri-
dentinums dachte, denn in dem am 25. März 1560 verkündeten Konzilsablaß
hieß es, der Papst erwäge, das ja seit langem berufene, jedoch aus bestimmten
Gründen suspendierte Konzil weiterzuführen212. Demgegenüber waren die
Angaben, die der neue Nuntius am Kaiserhof, der Bischof von Ermland Stanis-
laus Hosius, im Gespräch mit Ferdinand machte, zunächst relativ unpräzise:
Der Papst sei entschlossen, eine Synode zu versammeln, zum Termin und zum
Tagungsort wolle er aber zuvor die Meinung des Kaisers und anderer christli-
cher Könige erfahren und sich mit ihnen abstimmen213. Ferdinand nahm diese
Eröffnung zwar zustimmend zur Kenntnis, denn es war ganz in seinem Sinne,
wenn die Autorität des Konzils durch die Kooperation zwischen Papst, Kaiser
und den anderen führenden katholischen Monarchen erhöht wurde214, merkte
aber an, die Festlegung von Ort und Termin würde längere Zeit beanspruchen.
Insgesamt blieb seine Antwort recht zurückhaltend, waren doch in den Ausfüh-
rungen des Nuntius die meisten wichtigen Fragen noch offen gelassen. Wenige
Tage später ging dann eine Meldung Thurms aus Rom ein, der Ende April „von
vertrauenswürdiger Seite“ erfahren hatte, der Papst wolle das Tridentinum
fortführen und persönlich daran teilnehmen215. Nach dem Konzilsablaß, den
Thurm am 10. April nach Wien übersandt hatte216, war das ein zweites Si-
gnal217.
212 „... sacrum oecumenicum et generale iamdiu indictum et ex certis tunc expressis causis suspen-
sum concilium adiuvante Domino prosequi...“ (CT 8, S. 13f). Erwähnt bei Reimann, Unter-
handlungen, S. 591, die spätere Literatur hat die Wendung nicht beachtet.
213 NB II/1, S. 23f: Hosius’ Bericht v. 13.5.1560 über sein Gespräch mit Ferdinand am 10. Mai
214 Diese Auffassung hat Seld schon 1553 in einem Gutachten formuliert (Lutz, Biographische
Probleme, S. 180); sie ist dann sehr ausgeprägt in der gleich zu besprechenden ausführlichen
Stellungnahme vom Juni.
215 Sickel, Konzil, S. 46f: Bericht Thurms v. 26.4.1560, eingegangen in Wien am 16.5.1560
216 CT 8, S. 13 Anm. 4
217 In allen anderen in CT 8 publizierten Verlautbarungen Pius’ IV. bis zum 15. Mai 1560 ist immer
nur von der Berufung und Feier eines allgemeinen und ökumenischen Konzils die Rede ohne
Andeutung der Möglichkeit, die Suspension aufzuheben. Der Entschluß dazu ist erstmals fixiert
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien