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Letzte Phase der Vorbereitungen 419
war16. Erst im Oktober nahm Seld die Erarbeitung der Instruktion fĂĽr die kai-
serlichen Konzilsgesandten in Angriff. Die Anordnung, die frĂĽheren Instruk-
tionen herauszusuchen, wurde wiederholt, aber man konnte sie nicht finden17.
Selds erhaltener stichpunktartiger Entwurf fĂĽr die Instruktion faĂźt bĂĽndig
zusammen, was nach Auffassung Ferdinands und seiner Berater durch das
Konzil geleistet werden sollte18. Die beiden Kernpunkte der Religionspolitik
Ferdinands treten deutlich hervor: (1) Die Tür für die Anhörung oder Teilnah-
me oder gar Reintegration der Protestanten sollte nicht zugeschlagen, sondern
„aller menschlicher möglicher fleiss angewendt [werden], damit man zu christli-
cher vergleichung kommen mög“. (2) Im Blick auf die Zustände in Deutschland
wurden BeschlĂĽsse ĂĽber Reformen der Kirche als vordringlich erachtet, wobei
in Fragen des positiven Rechts mit Rücksicht auf das „gemain unverstendig
volk“ möglichst nachsichtig verfahren werden sollte; wenn die Einheit der Kir-
che nicht wiederherzustellen wäre, sollte so wenigstens weiterem Abfall vorge-
beugt werden. In diesem Zusammenhang empfahl Seld die Herausgabe eines
Leitfadens ĂĽber die christlichen Wahrheiten zum Gebrauch fĂĽr Gelehrte und
Prediger. Dem Religionsfrieden zuwiderlaufende Beschlüsse sollten möglichst
verhindert, keinesfalls aber bewilligt werden. Selds Entwurf wurde vom Ge-
heimen Rat vollinhaltlich gebilligt19.
Bis in den Oktober hinein hat Ferdinand demnach noch auf eine Kurskor-
rektur in der römischen Konzilspolitik gehofft. Es gibt Indizien, daß man vor-
her entsprechende Signale nach Rom senden wollte. So berichtete Delfino Ende
August von Äußerungen der Bischöfe Michael Helding – er befand sich als
Präsident des Reichshofrates am Kaiserhof20 – und Anton Brus, nach denen
kein deutscher Bischof nach Trient reisen werde, wenn die Protestanten nicht
zuvor auf einem Reichstag ihre Beschickung des Konzils zugesagt hätten, weil
sonst ihre Diözesen in Gefahr wären; die – keineswegs neue – Einschätzung sei
von Seld und Gienger bestätigt worden, die die Ansicht vertreten hätten, vorher
mĂĽsse in Deutschland ein weiterer Ausgleichsversuch durch ein Religionsge-
spräch gemacht werden21. Indessen ist kaum vorstellbar, daß letzteres ernst
gemeint war. Der Kaiser hatte erst kürzlich sehr entschieden gegen das franzö-
sische Religionsgespräch, dessen Ansetzung nach der Einberufung des General-
konzils ein „Skandal“ sei, Stellung genommen22. Helding und Seld hatten das
Desaster in Worms miterlebt. Zwar hatten die Teilnehmer am Naumburger
Protestantentag im Februar feierlich versichert, sie stünden sämtlich auf dem
Boden der Confessio Augustana von 1530, und zum Beweis war eine von allen
16 Hosius stellte ihm ein blendendes Zeugnis aus (NB II 1, S. 39).
17 HHStA Wien, RK RelA 6, fol 8r: Auftrag Selds für den Sekretär Haller v. 17.10; ebda, fol 7r:
Hallers Fehlanzeige (o.D.)
18 HHStA Wien, RK RelA 6, Konv. Okt/Dez. 1561, fol 10r-12v; gedruckt bei Sickel, Reformati-
onslibell, S. 34ff. Vgl. Loewe, S. 9f, Eder, Reformvorschläge, S. 107f, Kassowitz, S. 31ff
19 HHStA Wien, RHRP 20b: Eintrag zum 20.10.1561; vgl. VD 3, S. 200 Anm. 2
20 Feifel, S. 7
21 NB II 1, S. 300: Bericht v. 27.8.1561
22 HHStA Wien, Frankreich Hofkorr. 1, fol 6r/v: F. an Katharina von Medici, 15.7.1561, Kopie
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- MĂĽnster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien