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Letzte Phase der Vorbereitungen 421
große Teile der Bevölkerung einige von den Reformatoren praktizierte Neue-
rungen waren, die – wie ihm seine theologisch versierten Berater versicherten –
nicht göttliches, sondern von der Kirche gesetztes Recht betrafen. Darum
empfahl er, damit der Abfall von der Kirche gestoppt werde und Verlorene
zurückgewonnen werden könnten, Großzügigkeit in jenen Punkten: Genehmi-
gung des Abendmahls unter beiderlei Gestalt, Erleichterung der Fastengebote,
Zulassung Verheirateter zum Priesteramt; letzteres sollte zugleich ein Beitrag
zur Verbesserung des Lebenswandels der Kleriker sein, also der Reform dienen.
Die theologischen Hintergründe interessierten Ferdinand kaum, denn für ihn
stand die Richtigkeit der katholischen Lehre und die daraus abgeleitete Praxis
außer Frage. Von der Gewährung des Laienkelches versprach er sich überdies
eine Bereinigung der religiösen Verhältnisse in Böhmen und Mähren durch
Wiedervereinigung der Utraquisten mit der katholischen Kirche30. Eine weit-
räumige Erlaubnis des Abendmahls sub utraque mochte als Zeichen der Ver-
söhnungsbereitschaft wirken, weil sie mehr wäre als die in den Baseler Kom-
paktaten garantierte Duldung31. Jedoch waren zuletzt mit dem Salzburger Erz-
bischof und dessen Suffraganen geführte Verhandlungen über eine interimisti-
sche Zulassung von Laienkelch und Priesterehe ergebnislos verlaufen, denn die
Bischöfe wollten ohne Rückendeckung aus Rom eine so gewichtige Neuerung
nicht wagen32. Und bei der Salzburger Synode im Frühjahr 1560 war Ferdinand
mit seiner Kritik an Mißbräuchen bei der Messe und mit seinen Reformforde-
rungen nicht nur auf Widerstand gestoßen, sondern seinerseits angegriffen
worden, weil er Laienkelch und Priesterehe dulde, worauf er mit dem pragmati-
schen Hinweis reagiert hatte, selbst harte Strafen hätten nichts genützt, doch
werde er das Problem dem Papst vortragen33.
Es gelang Ferdinand aber nicht, den Papst davon zu überzeugen, daß es
zweckmäßig sei, hierin sofort Schritte zu unternehmen. Pius IV. erachtete die
Konzessionen persönlich zwar als vertretbar, hielt es aber für riskant, sie ohne
Zustimmung des Konzils zu gewähren, weil das eine Welle anderer Konzessi-
onsforderungen zum Schaden der Einheit der Kirche auslösen könne. Durch
die Überweisung der kaiserlichen Anträge an einen Ausschuß von Kardinälen,
der umgehend das Konzil für zuständig erklärte, wurde die Problematik aus
den weiteren Vorverhandlungen eliminiert34, denn Ferdinand erkannte die Ent-
scheidung im Prinzip an, wiederholte allerdings im Oktober den Hinweis, in
Deutschland werde dringend nach diesen Konzessionen verlangt35.
Die bedenklichen Ergebnisse, die eine 1561 in Teilen seiner Erblande durch-
geführte Klostervisitation erbracht hatte36, bestärkten Ferdinand in seinen
30 Steinherz, Denkschrift, S. 164f
31 Ein zweites derartiges Signal sollte die Wiederbesetzung des über hundert Jahre verwaisten
erzbischöflichen Stuhls in Prag sein (s. oben Anm. 14), wobei der Metropolit mit Kompetenzen
ausgestattet werden sollte, die ihn auch für die Utraquisten akzeptabel machen sollten (Bretholz,
Neuere Geschichte, S. 290ff).
32 Constant, Concession 1, S. 68ff
33 Bucholtz 8, S. 208f; Eder, Reformvorschläge, S. 29f
34 Sickel, Konzil, S. 85: Arco an F., 15.7.1560; vgl. Rill, Arco, S. 13
35 CT 8, S. 85
36 Sickel, Reformations-Libell, S. 4ff; für Wien vgl. Till, Laienkelch, S. 385
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien