Page - 426 - in Ferdinand I. als Kaiser - Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
Image of the Page - 426 -
Text of the Page - 426 -
Kapitel 7: Kaiser Ferdinand und die dritte Tagungsperiode des
Tridentinums426
Gleichwohl fĂĽhrten die Beratungen ĂĽber das allen Abgewichenen anzubie-
tende Freigeleit zu befriedigenden Ergebnissen. Es knĂĽpfte an die Bewilligung
von 1552 an und sollte für alle, die ungestraft gegen die Römische Kirche öf-
fentlich gelehrt und geschrieben hätten – also nicht nur die Protestanten – gel-
ten; die Einladung „an alle, die mit uns nicht übereinstimmen“, zum Konzil zu
kommen, vermied den diskriminierenden Terminus „Häretiker“62. Ferdinand
hielt das für ausreichend63. Zunächst blieb die Tür für die Protestanten also
offen.
Die Konzilsleitung hatte die nächsten Beratungsthemen noch nicht bekannt
gegeben, als die kaiserlichen Oratoren an sie appellierten, jetzt zu einer „rigoro-
sam et canonicam reformationem morum“ zu schreiten, genauer: Zur Reform
des geistlichen Standes einerseits, des weltlichen Standes andererseits, und bei
dem ersteren als dem wĂĽrdigeren Stand, der fĂĽr die anderen Menschen als Vor-
bild leuchten solle, sei zu beginnen; bei den Protestanten und anderen Häreti-
kern werde das positive Wirkungen haben64. Sie konnten dabei insofern auf die
Bereitschaft der Väter zählen, über Reformen zu beraten, als mehrere ihr Placet
zum Termin der nächsten Session mit der Erwartung verknüpft hatten, daß in
der Zwischenzeit „etwas geschehe“65, und die Spanier nach Reformen bei den
Bischöfen verlangten66. Vermutlich hatten sie auch erfahren, daß einige italieni-
sche Bischöfe im Auftrag der Legaten an Reformvorlagen arbeiteten67. Zweck
des von Ferdinand gebilligten Vorstoßes war, die Wiederaufnahme der Erörte-
rung und Entscheidung dogmatischer Probleme zurückzudrängen und die
Kontinuitätsfrage hintanzuhalten68. Indessen war sowohl den Oratoren als auch
Ferdinand klar, daß diese Position nach der nächsten Session kaum mehr zu
halten war. Denn die Hoffnung des Kaisers, bei den Spaniern mit UnterstĂĽt-
zung des Bischofs von Calahorra, der ein Bruder Martin GĂşzmans war, Ver-
ständnis für seine Position in letzterem Punkt erwecken zu können, trog, die
Gespräche der Oratoren mit dem spanischen Prälaten verliefen entmutigend69,
und GĂşzman selbst erhielt von Philipp II. kein Signal, daĂź er seine Haltung
ändern wolle70. Ferdinand gab darum am 15. März die Weisung, zwar weiter
auf einer gründlichen („rigorosa“) Reform zu bestehen, in den anderen Punkten
aber nur noch zurĂĽckhaltend zu argumentieren, keinen Druck auszuĂĽben oder
62 Berichte der Oratoren v. 3.3., 9.3. und 10.3 bei Sickel, Konzil, S. 273 und S. 275ff. Sie hatten die
Sorge mancher Väter zerstreuen müssen, diese Weitherzigkeit könne zu einem Massenbesuch
von Protestanten fĂĽhren; vgl. Jedin Konzil 4/1, S. 107.
63 HHStA Wien, RK RelA 7, fol 76r-77v: F. an Oratoren, 22.3.1562 (Auszug bei Sickel, Konzil, S.
277)
64 Le Plat 5, S. 102f: Kaiserliche Oratoren an Legaten, 5.3.1562
65 Jedin, Konzil 4/1, S. 105
66 HHStA Wien, RK RelA 7, Konv. 2: Brus an Maximilian, 3.3.1562 (= Sickel, Konzil, S. 273)
67 Jedin, Konzil 4/1, S. 110ff; Steinruck, S. 230
68 Das ist in den Weisungen Fedinands v. 22.2. und 15.3.1562 bekräftigt (HHStA Wien, RelA 7
Konv 1, fol 93–95, u. Konv 2, fol 59–62); in letzterer empfahl er Zusammenarbeit mit den spa-
nischen Bischöfen. Vgl. auch Sickel, Reformations-Libell, S. 12ff: F. an Gienger, 24.2.1562 (hier
S. 13).
69 Weisung v. 22.2.1562 u. Bericht der Oratoren v. 10.3. in HHStA Wien, RK RelA 7, Konv. 1, fol
94v, bzw Konv. 2, fol 54r/v
70 Chudoba, Relaciones, S. 315 mit Anm. 1
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
back to the
book Ferdinand I. als Kaiser - Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V."
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- MĂĽnster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien