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Kapitel 7: Kaiser Ferdinand und die dritte Tagungsperiode des
Tridentinums434
sen, daß die früher angeregten Konzessionen theologisch vertretbar und mit
dem göttlichen Willen vereinbar seien, und abermals betont, ihre Verweigerung
werde viele Menschen in die Arme der Sektierer treiben128. Im dritten Teil wur-
den konkrete Vorschläge unterbreitet, wie die Bildung des Pfarrklerus verbes-
sert werden könnte. Ferner wurd empfohlen, einen der vorhandenen guten
Katechismen für den Schulunterricht verbindlich zu machen, endlich, nach dem
Vorbild Philipps II. in den Niederlanden eine Vermehrung der Diözesen durch
die Verkleinerung allzu großer vorzunehmen129.
Der letzte Abschnitt enthielt eine Zurückweisung jenes Junktims, dem Fer-
dinand des öfteren bei Klerikern begegnet war, vor der Reform müsse die Re-
stitution der entfremdeten Kirchengüter gewährleistet sein. Das wird nicht nur
als unbiblisch kritisiert – mit Belegen aus der Bergpredigt und dem Ersten Ko-
rintherbrief –, sondern auch als weltfremd, denn die Protestanten würden nie-
mals zur katholischen Kirche zurückkehren, wenn sie die Kirchengüter heraus-
geben müßten. Darum solle man um des höheren Ziels willen über jenes unbe-
streitbare Unrecht hinweggehen; weder das Basler Konzil und Kaiser Sigis-
mund noch Königin Maria von England hätten bei ihren erfolgreichen Bemü-
hungen, Abgefallene zur Kirche zurückzuführen, auf der Restitution des weltli-
chen Besitzes bestanden130. Seld, der das letztere Beispiel mit der Begründung
eingebracht hatte, der Heilige Stuhl habe diesen Verzicht stillschweigend gebil-
ligt131, hatte nicht vergessen, wie Hosius seinem Herrn das Vorgehen der engli-
schen Königin gegen die Protestanten als nachahmenswert vorgehalten hatte,
und wollte zweifellos auf diese Weise einer Wiederholung vorbeugen. So ver-
deutlicht gerade dieser letzte Abschnitt nochmals, daß Ferdinand in der Wie-
derherstellung der kirchlichen Einheit die wichtigste Aufgabe des Konzils gese-
hen hat132. Es wird ferner belegt durch den eindringlichen Appell an die Väter,
sich über Fragen wie Residenz der Bischöfe oder Superiorität von Konzil oder
Papst nicht unheilbar zu zerstreiten und von der Mehrheit abweichende Mei-
nungen nicht zu verdammen. „Concordia veritatis soror est, discordia dissipa-
tionis mater“133.
Mit der Anweisung für seine Gesandten, sie sollten das von ihm geprüfte
Gutachten dem Konzil vorlegen und auf seine baldige Behandlung dringen,
machte sich Ferdinand das „Reformations-Libell“ voll zu eigen134. Wenn sich
das Konzil darauf einließ, dieses Programm zu beraten, war die Priorität der
Reform vor dem Dogma erreicht, die Ferdinand immer postuliert hatte. Ferdi-
nand brachte diese Funktion des Libells in seinem Schreiben vom 10. Mai an die
Oratoren zum Ausdruck, in dem er es als Beitrag zu einem glücklichen Aus-
gang des Konzils ankündigte und sie beauftragte, in den wenigen Tagen, die zur
128 CT 13, S. 674–678
129 Ebda, S. 678–682
130 Ebda, S. 682f
131 Sickel, Reformations-Libell, S. 49f
132 Trotz mancher Überspitzung im einzelnen grundsätzlich richtig erkannt von Loewe, S. 31f.
133 CT 13, S. 683 Z. 33f
134 HHStA Wien, RK RelA 7 Konv. 3, fol 65r-66v: F. an Oratoren, 20.5.1562; diverse Teile ge-
druckt bei Sickel, Konzil, S. 313, und ders., Reformations-Libell, S. 39f
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien