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Kapitel 7: Kaiser Ferdinand und die dritte Tagungsperiode des
Tridentinums436
leitung am 6. Juni von ihrem Auftrag Mitteilung machten, das Libell in einer
Sitzung des Konzils einzubringen, und auch ihre französischen Kollegen davon
unterrichteten144. Die Legaten wurden von dem Schritt vollkommen über-
rascht145. Sie sahen darin sofort einen gefährlichen Präzedenzfall, durch den ihr
alleiniges Propositionsrecht ausgehöhlt zu werden drohte, und lehnten das
Begehren des Kaisers mit dem Argument ab, eine Flut von Anträgen der ande-
ren Nationen werde die Folge sein und zu großer Konfusion oder gar zur Auf-
lösung des Konzils führen. Die Oratoren ließen sich bewegen, ihrem Herrn
dieses Bedenken zu unterbreiten und eine neue Weisung einzuholen; sie hielten
das für vertretbar, weil die Legaten soeben die Beratung von fünf Artikeln über
den „Gebrauch der Eucharistie“ eingeleitet und damit die von Ferdinand schon
lange geforderte Klärung der Frage nach der Gewährung des Laienkelches auf
die Tagesordnung gesetzt hatten146.
Indessen waren die Legaten entschlossen, die kaiserliche Initiative grund-
sätzlich zu blockieren. Nach nur flüchtiger Lektüre des Libells erteilten sie
Delfino den Auftrag, beim Kaiser vorstellig zu werden und ihn zur Rücknahme
zu veranlassen147. Sie bewerteten den Vorgang als Rückfall in die unheilvolle
(„pestifero“) Praxis am Baseler Konzil, wollten Ferdinand ermahnen lassen,
sich an der Kirchenpolitik seines Bruders Karl V. zu orientieren, und ihn auf-
fordern, seinen Gesandten nicht noch einmal zu erlauben, sich schriftlich oder
mündlich in die Aufstellung der Beratungspunkte und die Beschlußfassung
einzumischen148. Den Oratoren hielten sie vor, es sei nicht angängig, daß die
Bischöfe das Oberhaupt der Kirche reformieren sollten – das war die einzige
konkrete Kritik inhaltlicher Art. Vorgeschoben wirkte ihre Erklärung, sie
könnten das Libell nicht zur Beratung vorlegen, weil es Artikel enthalte, die mit
Sicherheit zurückgewiesen würden, was dem Ruf des Kaisers schaden werde149.
Ferner suchten die Legaten den Umstand zu nutzen, daß der Erzbischof von
Prag eben jetzt dorthin reisen wollte, um seine neue Diözese in Besitz zu neh-
men: Hosius, der in dem Libell alsbald viele von ihm vor zwei Jahren kritisierte
Gedanken wiederfand, legte ihre Einwände Brus ausführlich dar und rühmte
sich, ihn dafür gewonnen zu haben, die Position der Legaten beim Kaiser zu
vertreten150. Indessen dürfte Brus nur das versprochen haben, was jeder Diplo-
144 Meyenhofer, S. 309ff: Lansac an Bochetel, 8.6.1562; Ferdinand selbst hatte Bochetel schon früher
angedeutet, daß er eine Initiative für Reformen plante (ebda, S. 307f: Bochetel an Katharina,
25.5.1562).
145 Zum Folgenden Sickel, Konzil, S. 330f: Oratoren an F., 16.6.1562; Kassowitz, S. XXI: Bruch-
stück einer Aufzeichnung über den mündlichen Bericht Brus’ vor Ferdinand; vgl. ebda, S. 84
146 Jedin, Konzil 4/1, S. 153; Lecler, S. 313. Irreführend Constant, Concession 1, S. 214, der von
einer kaiserlichen Eingabe vom 4.5.1562 mit der Forderung nach dieser Konzession spricht, als
Beleg aber den Druck des Libells (!) bei Le Plat angibt. Den Irrtum übernahm Rill, Arco, S. 23.
147 NB II 3, S. 62ff: Legaten an Delfino, 8.6.1562
148 NB II 3, S. 62ff: Legaten an Delfino, 8.6.1562. Ihr gleichzeitiges Schreiben an den Kaiser ist
anscheinend verloren (vgl. Šusta 2, S. 191).
149 Beide Punkte werden im einleitenden Teil der Antwort Ferdinands v. 30.6.1562 referiert (Le Plat
5, S. 351ff).
150 Šusta 2, S. 190f: Legaten an Borromeo, 11.6.1562
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien