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Kapitel 7: Kaiser Ferdinand und die dritte Tagungsperiode des
Tridentinums446
brachten Bedenken zu entkräften220, traf das Konzilsplenum am Ende nicht die
gewĂĽnschte Entscheidung, sondern stellte es dem Papst anheim, ob und unter
welchen Bedingungen er die Ausnahme der Kelchgewährung bewilligen wollte.
Die Mehrheit der Väter zeigte sich für die Überlegung Ferdinands unzugäng-
lich, durch rechtzeitiges Entgegenkommen den weiteren Abfall von der Kirche
abzubremsen.
Das war nach der UnterdrĂĽckung des Reformlibells durch die Legaten ein
zweiter Mißerfolg Ferdinands in Trient, der sich seine Enttäuschung aber nicht
anmerken ließ221. Die nächsten Wochen brachten keine nach außen sichtbare
Änderung in den Positionen der Hauptbeteiligten. Die Legaten hatten, getreu
ihrer Auffassung vom Vorrang der dogmatischen Fragen, schon am 23. Septem-
ber Artikel zum Weihesakrament zur Beratung vorgelegt222, waren mithin wie-
der über die Anträge der kaiserlichen und der französischen Gesandten hin-
weggegangen. Von den zwischen den Legaten und der Kurie geführten Erörte-
rungen, ob man doch noch das ganze Libell dem Konzil bekannt geben oder
welche Auswahl man treffen sollte, erfuhren die Oratoren vorerst nichts. Ob-
wohl der Papst sogar die Verlesung der ganzen Schrift – allerdings nur zur
Kenntnisnahme, nicht als Vorlage – erlaubte, kam es weder jetzt noch später
dazu223.
Ferdinand seinerseits erklärte Delfino unmittelbar vor seiner Reise nach
Frankfurt noch einmal sehr bestimmt, er erwarte jetzt endlich Beratung der
Reform, während man die Dogmen beiseite lassen könne224. Den Gedanken,
das Reformlibell zwecks Verteilung an eine größere Zahl von Konzilsvätern
drucken oder sogar publizieren zu lassen, lehnte er aber ab, um die Differenzen
nicht unnötig zu verschärfen225. Doch dann enttäuschte die am 3. November
bekannt gegebene Reformvorlage für die nächste Session sowohl die kaiserli-
chen als auch die französischen Vertreter. Grund dafür war letztlich wieder die
Praxis der RĂĽckfragen in Rom, wo man von 33 aus Trient vorgeschlagenen
Punkten mehr als die Hälfte gestrichen hatte226. Der Spalt zwischen Konzils-
leitung und Kaiser wurde breiter, als der Kardinal von Mantua bei der Einbrin-
gung eines Reformdekrets zur Residenzpflicht der Bischöfe wahrheitswidrig
behauptete, der Kaiser und der spanische König hätten die Vorlage gebilligt,
was bei den französischen Gesandten auf ungläubiges Erstaunen stieß227. Ferdi-
nand seinerseits erklärte befremdet, er habe den Entwurf des Dekrets weder
220 Ihre Voten in CT 8, S. 844f u. S. 866ff; vgl. Constant, Concession 1, S. 280 u. S. 284, Jedin, Kon-
zil 4/1, S. 197f; zu Dudith vgl. Juchacz, S. 67f
221 Vgl. Delfinos Bericht v. 1.10.1562 (NB II 3, S. 122)
222 Jedin, Konzil 4/1, S. 210
223 NB II 3, S. 131ff; Sickel, Römische Berichte 2, S. 131f: Pius IV. an Simonetta, 3.10.1562 (zum
Teil ĂĽbersetzt bei Bucholtz 8, S. 476f)
224 „s’attenda alla riforma, lasciato li dogmi da parte“ (NB II 3, S. 122: Delfino an die Legaten,
1.10.1562).
225 HHStA Wien RK RelA 8 Konv. Okt/Dez., fol 5r/v: F. an Oratoren, 15.10.1562 (Konz.)
226 Ĺ usta 3, S. 45ff; vgl. Jedin, Konzil 4/1, S. 220
227 Vgl. ihre RĂĽckfrage bei Bochetel (Le Laboureur 1, S. 849ff); danach hatte Draskovich Ferdi-
nands Wissen sogleich in Abrede gestellt.
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- MĂĽnster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien