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Die Verhandlung mit Morone 473
membris“ sei in den Kanones der alten Konzilien und den einschlägigen Kom-
mentaren ein oft gebrauchter Terminus, widersprachen der These, die Beteili-
gung der Väter an allen Reformen bedeute, daß das Konzil über dem Papst
stehe, mit dem Argument, Papst und Konzil gehörten als Haupt und Glieder
zusammen, und wiesen mit Recht darauf hin, nicht jene Formel, sondern die
Mißstände an der Kurie böten den Gegnern die Angriffsflächen.
Mit Ausnahme des zuletzt genannten wurden diese Argumente in der
schriftlichen Duplik Ferdinands verwertet, in der die bisherigen Positionen zu
Morones Enttäuschung beibehalten wurden395. Unter Berufung auf Recht und
Gewohnheit der alten Konzilien verlangte der Kaiser gleichsam als Sprecher der
weltlichen Herrscher eine eindeutige Zusicherung, daß ihre Vorschläge, sofern
die Legaten zuvor informiert würden, dem Konzil entweder durch das Präsidi-
um oder durch die Oratoren unterbreitet würden. Ferner ersuchte er Morone,
die präzisierte Anregung, wie die schwach vertretenen Nationen besser berück-
sichtigt werden könnten, nochmals zu überlegen. Indem er aus dem Gutachten
der Theologen die Richtigstellung übernahm, sein Katalog von Mißbräuchen sei
als exemplarische Aufzählung zu verstehen, behielt er sich vor, auch andere
Reformvorschläge, insbesondere zur Erhaltung der katholischen Religion im
Reich und in seinen Erblanden, neu oder zusätzlich zu unterbreiten. Die For-
mel „reformatio in capite“ verteidigte Ferdinand als üblich, doch nachdem er
klargestellt hatte, durch die neue Umschreibung „reformatio universalis eccle-
siae“ werde seine Intention genauso getroffen, verzichtete er auf die von Moro-
ne bekämpften Worte396. Der Kaiser überging damit das Sondervotum Franz’
von Cordoba, der davor gewarnt hatte, in der Reformfrage „dissimulierende“
Formulierungen zu akzeptieren, weil der Papst, wie die Replik des Legaten
erkennen lasse, die notwendigen Schritte doch nicht tun wolle397.
Vergebens versuchte Morone während seines letzten Treffens mit Ferdinand
zwei Stunden lang, ihm weitere Rücknahmen bei jenen drei Streitpunkten ab-
zuhandeln und danach Seld und Singkmoser zu bewegen, seine Argumente
ihrem Herrn nochmals darzulegen398. Mit dem Brief, den er daraufhin an Fer-
dinand richtete, aber erst nach seiner Abreise durch Delfino überreichen ließ399,
griff der Kardinal zum Mittel der Pression. Er zielte auf das Gewissen des Kai-
sers, wenn er dessen Begehren in den drei unverglichenen Punkten nicht nur als
teilweise die Situation am Konzil verkennend, sondern wegen der angeblich
implizierten gravierenden Neuerungen oder Präzedenzen als gewaltige Risiken
darstellte, deren Befolgung zum Ruin des Konzils führen werde. Er beklagte,
daß es ihm nicht gelungen sei, völliges Einvernehmen zwischen Papst und Kai-
395 HHStA Wien, RK RelA 10 Konv. Mai, fol 157r-160v (Druck bei Sickel, Konzil, S. 498f, und
Constant, Légation, S. 112ff)
396 HHStA Wien, ebda, fol 160v-161r: Emendanda in responso ... Morono primum dato (Druck bei
Sickel, Konzil, S. 500). An einer anderen Stelle (Constant, Légation, S. 85 Z. 13) blieb die Wen-
dung stehen – vermutlich war sie dort von Morone übersehen worden.
397 Constant, Légation, S. 114 Anm. 2 (übersetzt bei Jedin, Konzil 4/2, S. 24); vgl. Ganzer,
Cordoba, S. 329
398 NB II 3, S. 299 (Aus Morones Bericht v.13.5.1563)
399 Constant, Légation, S. 116ff: Morone an F., 12.5.1563
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien