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Kapitel 7: Kaiser Ferdinand und die dritte Tagungsperiode des
Tridentinums502
hatte die Synode geleistet noch Bausteine für ein Bollwerk geliefert, das weite-
ren Abfall von der Kirche verhindern mochte – Gewährung des Laienkelches
und anderer Konzessionen im Bereich des positiven Kirchenrechts. In dem aus
seiner Enttäuschung kein Hehl machenden Brief an Philipp II. äußerte Ferdi-
nand die Ansicht, die katholische Religion könne auch nicht durch Repression
bewahrt werden, sondern nur dann, wenn die christlichen Herrscher selbst alles
daransetzten, um moralisch integre und in der Lehre gefestigte Geistliche zu
gewinnen, die durch ihr Beispiel beim Volk Gehorsam fänden576. Das Urteil,
das Seld nach Konzilsende abgab, wurde von seinem Herrn zweifellos geteilt:
„Wie man sonnst diesem Concilio von anfanng bis zum enndt außgewartet, so
glaub ich fürwar, wann es schon noch hundert jar gewerdt, es solten die sachen
nit umb ein haar desto besser worden sein, got wölle unns in ander weeg helf-
fen“577. Was im Nachhinein als die Leistung des Tridentinums deutlich gewor-
den ist, nämlich das dogmatische Fundament geschaffen zu haben, dessen die
römisch-katholische Kirche für ihre Regeneration im Reich und in Europa
bedurfte, hat Kaiser Ferdinand nicht erkennen mögen.
Bemühungen um Konzessionen neben und nach dem Konzil578
Ferdinand hatte die Entscheidung des Konzils vom 17. September 1562, die
Gewährung des Laienkelches für einzelne Regionen dem Ermessen des Papstes
anheim zu stellen, ohne Kritik hingenommen. Sofort warf er aber die Frage auf,
ob es ratsam sei, den Papst noch vor dem Ende des Konzils um die Erteilung
der notwendigen Dispense zu ersuchen, und gab mehrere Gutachten dazu in
Auftrag; ein Beweggrund war die Sorge, Rom könne den Bedingungsrahmen
für die Gewährung allzu eng ziehen579. Jedoch erkannten er und seine Mitar-
beiter rasch, welches Dilemma damit verbunden war, als die Oratoren aus Tri-
ent meldeten, sie hätten aus vertrauenswürdiger Quelle erfahren, daß der Heili-
ge Vater insgeheim auf dieses Ergebnis hingearbeitet habe, weil es als Präjudiz
die päpstliche Superiorität und Autorität gegenüber dem Konzil stabilisiere580.
In der Tat war Pius IV. mit der Entscheidung des Konzils sehr zufrieden,
wenngleich er verlauten ließ, er habe diese Bürde nicht erstrebt581, und er versi-
cherte Arco umgehend seine Bereitschaft, dem Kaiser in der Frage des Laien-
kelches zu willfahren582. Ferdinand bekam Skrupel, den Schritt zu tun, solange
das Konzil tagte, weil dadurch dessen Autorität gemindert werden könnte.
576 wie Anm. 565
577 BHStA München KÄA 4308, fol 443v: Seld an Herzog Albrecht, 18.12.1563 (eigh.)
578 Die materialreiche Darstellung von Constant, Concession 1, S. 343–552, erlaubt es, hier nur die
Grundzüge zu skizzieren.
579 Constant, Concession 2, S. 813f: Auftrag (v. 26.9.1562) an Vitoria zur Erstellung eines Gutach-
tens.
580 Sickel, Konzil, S. 386: Oratoren an F., 22.9.1562; zitiert bei Saftien, S. 13; Constant, Concession
1, S. 345 Anm. 7 weist darauf hin, daß dieser Verdacht wörtlich in das Postskript zum Auftrag
an Vitoria aufgenommen wurde; dgl. Sickel, ebda, S. 577.
581 Šusta 3, S. 13
582 Kassowitz, S. XXVIII: Arco an F., 3.10.1562
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien