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Bemühungen um Konzessionen neben und nach dem Konzil 503
Die Auswahl der Gutachter belegt einmal mehr, daß er an vielseitiger Be-
leuchtung der Probleme interessiert war; denn neben Gienger und Staphylus
wurden zwei von Ferdinand wegen ihrer seelsorgerlichen Qualitäten geschätzte
Jesuiten, Canisius und Vitoria, aufgefordert, obwohl ihr Ordensgeneral Lainez
in Trient gegen die Konzession votiert hatte583. Im Unterschied zu ihm hatte
Canisius in Trient als Theologe die Zulässigkeit des Abendmahls sub utraque
eingeräumt584. Bei Vitoria, dem Leiter der von Ferdinand erst ermöglichten
Niederlassungen des Ordens in Wien und Prag, durfte genaue Kenntnis der
kirchlichen Situation in Österreich und Böhmen vorausgesetzt werden.
Canisius stand in seinem Gutachten zu seiner theologischen Einsicht, um-
ging aber das den Kaiser primär beschäftigende Problem mit der Empfehlung,
weil der Papst die Verhältnisse in Deutschland sehr gut kenne, könne man alles
seiner Weisheit überlassen; er befürwortete die bereits in Trient erörterten,
Ferdinand zu weit gehenden Auflagen585. Der aus Spanien stammende Vitoria
hielt die Gewährung des Laienkelchs nur in Einzelfällen ad personam für zuläs-
sig; die Anheimstellung an den Papst interpretierte er als Anerkennung der
Oberhoheit586. Dagegen betonte Staphylus die außerordentliche Dringlichkeit
der Konzessionen und riet, umgehend den Antrag in Rom zu stellen, während
er die kirchenpolitische Frage gar nicht behandelte. Er nannte einige Regeln, die
den vom Konzil beschlossenen Grundsätzen entsprachen, warnte aber davor,
die Erteilung des Kelches an komplizierte Auflagen zu binden, die das einfache
Volk nur abschrecken würden587. Gienger sah die Bemühungen um den Laien-
kelch in einer Sackgasse588. Er klagte, die Gewährung durch das Konzil wäre für
mehr als 100000 verunsicherte Seelen hilfreich gewesen, sprach sich für mög-
lichst weitherzige Bedingungen aus und bedauerte die Rückverweisung an den
Papst mit konziliaristischen Argumenten als Fehlentscheidung, zumal die
„Gegner“ nur ein Konzil als kompetente Instanz in Glaubensfragen anerkenn-
ten und nun in ihrer Polemik bestärkt würden, das Konzil sei vom Papst ab-
hängig. Seine Folgerung, eigentlich sei es angebracht, den Heiligen Vater zu
ersuchen, er möge die Anheimstellung ablehnen, war indessen politisch nicht
praktikabel. Entschieden warnte Gienger davor, die Konzession jetzt und in
Rom zu beantragen, weil damit die Rückverweisung durch den Kaiser sanktio-
niert werde; wenn der Heilige Vater von sich aus den Indult verkünde, könne
der Kaiser ihn annehmen. Sonst wußte Gienger nur zu empfehlen, in Frankfurt
mit den geistlichen Kurfürsten und Herzog Albrecht die neue Situation zu er-
örtern589.
583 Jedin, Konzil 4/1, S. 198
584 Brodrick 2, S. 112f
585 Canisius’ Gutachten bei Braunsberger 3, S. 499ff; vgl. Brodrick 2, S. 133ff
586 Constant, Concession 1, S. 347; Brodrick 2, S. 137
587 Constant, Concession 2, S. 824ff
588 Constant, Concession 2, S. 817ff; vgl. Saftien, S. 22ff
589 Constant, Concession 2, S. 830ff, bietet ein weiteres Gutachten, das er Konrad Braun zuweist
(zustimmend dazu Rößner, S. 227); ob es von Ferdinand bestellt oder unaufgefordert erarbeitet
worden ist, ist nicht sicher; gegen ersteres spricht, daß es weder eine Anrede an den Kaiser noch
eine klare Bezugnahme auf dessen Absicht enthält.
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien