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Kapitel 9: Die Sicherung der Nachfolge im
Reich608
benötigten Unterlagen zu liefern256, und Arco, der sich in Rom diskret darum
bemühen sollte, konnte nach langwierigen Recherchen nur das abschließende
Breve Clemens’ VII. bieten, aber keine Dokumente habsburgischer Proveni-
enz257. Das war mißlich, denn nachdem das Feld der historischen Argumentati-
on und Präzendenzfälle einmal betreten worden war, mußte man nun gewärtig
sein, wenn man die Texte, die der eigenen Position nichts vergeben durften, neu
formulierte, mit unliebsamen historischen Beispielen konfrontiert zu werden.
Maximilian fürchtete, wenn er gegenüber Rom Fehler begehe, werde das im
Reich bekannt werden und seinem Prestige abträglich sein258. Ferdinand hat
anscheinend auch ein historisches oder juristisches Gutachten erarbeiten lassen,
denn der Geheime Rat nahm am 27. Februar einen „Bericht von der wal aines
Romischen Khunigs im fall wo ain Erwöllter Romischer Khaiser noch nit ge-
crönt ist“ beifällig zur Kenntnis und beschloß, ihn an Arco zu übersenden259.
Und Ferdinand achtete genau darauf, daß man sich gegenüber der Kurie nicht
die Blöße gab, von der einmal gezogenen Grundlinie abgewichen zu sein: Als er
sich mit Maximilian geeinigt hatte, dem Papst die bei Kaiserkrönungen übliche
Eidesformel vorzuschlagen, Maximilian jedoch zwei Änderungen für ange-
bracht hielt, die – wohl im Blick auf die evangelischen Reichsstände – die Bin-
dung an den päpstlichen Stuhl schwächer ausdrückten, was der Geheime Rat
passieren ließ, hob Ferdinand den Beschluß auf, weil er die Abweichungen für
bedenklich hielt260 – sicherlich nicht so sehr wegen größerer Anhänglichkeit an
die katholische Kirche, sondern vor allem aus der nüchternen Erwägung, daß
die Spezialisten in Rom die Unterschiede zweifellos bemerken würden261.
Inzwischen hatte die Kurie das einzige Argument wieder in die Debatte ge-
worfen, das historisch stichhaltig war: Noch niemals, so stellte Kardinal Bor-
romeo in einer Weisung an Delfino fest, habe Rom einen König bestätigen sol-
len „senza esser prima incoronato l’imperatore“, darum sei die von Maximilian
verlangte besondere Erklärung angemessen und Voraussetzung für eine zügige
Erledigung des einmaligen Falles zugunsten der Habsburger262. Auch der Papst
kam gegenüber Arco wieder darauf zu sprechen, wie ungewöhnlich die Erhe-
bung Maximilians vor der Kaiserkrönung Ferdinands sei; als Präzedenzfälle
256 Am 21.3.1563 teilte der Erzbischof von Mainz mit, er könne die päpstliche Bestätigung der
Wahl Ferdinands nicht finden und vermute, sie sei gar nicht in sein Archiv gelangt (HHStA
Wien, RK WuKA 4 (neu, fol 171r/v).
257 Sickel, Konzil, S. 440 (Weisung an Arco v. 15.2.1563); zu Arcos Bemühungen vgl. Rill, Arco, S.
27f u. S. 32
258 Maximilian an F., 5.4.1563 (gedruckt bei Hopfen, S. 198–203, s. bes. S. 200)
259 HHStA Wien, RHRP 20b. Ob das bisher nirgends erwähnte Gutachten noch erhalten ist, ist mir
nicht bekannt. Herrn Dr. Gerhard Rill, der auf meine Bitte verschiedene Wiener Bestände über-
prüft hat, möchte ich auch hier für seine Mühe herzlich danken.
260 NB II 3, S. 343f. Ob Ferdinand an der Sitzung des Geheimen Rates nicht teilgenommen hatte,
läßt sich aus dem Protokoll nicht entnehmen (HHStA Wien, RHRP 20b, zum 12.4.1563 und
14.4.1563). Die von Maximilian vorgeschlagene Formel bei Sickel, Konzil, S. 484, wo nach „im-
perator“ einzufügen ist „permitto“ (vgl. HHStA Wien, Rom Varia 3 Konv. 1563, fol 32r).
261 Steinherz meinte (NB ebda), Ferdinand sei von einer „Persönlichkeit außerhalb des geheimen
Rates“ auf die Änderung und ihre Folgen hingewiesen worden; wenn dem so gewesen ist, muß
es sich um einen Sachkenner mit politischem Weitblick gehandelt haben.
262 NB II 3, S. 176: Borromeo an Delfino, 6.2.1563
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien