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Kapitel 10: Kaiser Ferdinand I. im europÀischen
KrÀftespiel618
drohender Spannungenâ5. Deutlich ist, daĂ der Krieg als ultima ratio der Au-
Ăenpolitik fĂŒr Kaiser Ferdinand als Instrument praktisch nicht einsetzbar war,
weil seine stÀndigen finanziellen Schwierigkeiten die Aufstellung und Unter-
haltung eines schlagfĂ€higen Heeres allenfalls fĂŒr kurze Zeit erlaubten. Seine
gewichtigste auĂenpolitische Erfahrung, der Macht des Sultans, der fĂŒr ihn eine
stÀndige Bedrohung der Christenheit verkörperte, deutlich unterlegen zu sein,
machte einen allseitigen Frieden unter Europas christlichen FĂŒrsten fĂŒr ihn zu
einem elementaren BedĂŒrfnis; denn dem Druck der Osmanen standzuhalten
erschien langfristig nur möglich mit UnterstĂŒtzung der europĂ€ischen MĂ€chte â
dieser Auffassung waren ja auch die deutschen ReichsstÀnde. Ebenso bedurfte
es des Friedens, um zum Zweck der Wiederherstellung der Glaubenseinheit in
der Christianitas das Generalkonzil zustandezubringen6. Kriegerische Ver-
wicklungen in Europa wirkten zudem im Reich, dem ĂŒblichen Reservoir von
Söldnern, regelmĂ€Ăig beunruhigend. So ist zu fragen, ob oder wie er das mit
dem kaiserlichen Amt verbundene Prestige nutzen konnte, um zur Förderung
des Friedens in Europa in den Konflikten anderer MĂ€chte zu intervenieren.
In frĂŒheren Kapiteln wurde bereits behandelt, wie Ferdinand auf Reichstagen
oder bei Treffen mit den KurfĂŒrsten bemĂŒht war, die ReichsstĂ€nde oder zu-
mindest die âSĂ€ulen des Reichsâ dazu zu bewegen, das mitzutragen, was er zur
Behauptung der Interessen und der territorialen IntegritĂ€t des Reiches fĂŒr er-
forderlich hielt, und zwar unter EinschluĂ seiner Erblande und ihrer âVormau-
erâ Ungarn, die nun einmal in erster Linie der Gefahr tĂŒrkischer Angriffe aus-
gesetzt waren. An der Westgrenze lagen die Dinge insofern anders, als durch
die französische Okkupation der lothringischen BistĂŒmer und StĂ€dte primĂ€r
das Reich tangiert war und Ferdinand als Reichsoberhaupt gefordert war. Auch
die KÀmpfe um den livlÀndischen Ordensstaat provozierten die Frage, wie
âKaiser und Reichâ einem gefĂ€hrdeten AuĂenposten, der nun einmal Reichs-
stand war, zu Hilfe kommen konnten. In Italien waren einerseits Reichsrechte
zu wahren, andererseits hatte Ferdinand wegen der Lage seiner Erblande dyna-
stische Interessen; seine Politik gegenĂŒber der Republik Venedig ist eindeutig
letzterem Aspekt zuzuordnen und wird darum in dieser Arbeit nicht behandelt.
Die besondere QualitÀt der Beziehungen zum Papsttum bedarf keiner weiteren
ErlÀuterung, und auch das VerhÀltnis zu Philipp II. fÀllt weitgehend aus dem
Rahmen ânormalerâ AuĂenpolitik, man könnte vielleicht von âDiplomatie im
Kreise der Verwandtschaftâ sprechen7. Das VerhĂ€ltnis Ferdinands zu England
hat einen eigenen Charakter, weil es von Versuchen geprÀgt, aber auch darauf
beschrĂ€nkt war, die von Karl V. geknĂŒpfte, durch den Tod der Königin Maria
wieder gerissene dynastische Verbindung zwischen dem Haus Habsburg und
der britischen Insel zu erneuern.
5 Krippendorff, S. 210
6 Z.B. lehnte Ferdinand PlÀne der Herzoginwitwe von Lothringen rundweg ab, dynastische
AnsprĂŒche auf DĂ€nemark mit französischer Hilfe gewaltsam durchzusetzen (HHStA Wien,
RHRP 17, fol 251r/v: Eintrag zum 14.10.1560); GerĂŒchte dazu gab es schon im FrĂŒhjahr (Ste-
venson 2, S. 377).
7 In Abwandlung der Formel von Christiane Thomas von âDiplomatie im eigenen Hausâ (S. 28);
gemeint ist die Erörterung familiÀrer und dynastischer Probleme durch Gesandtenverkehr.
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- MĂŒnster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien