Page - 674 - in Ferdinand I. als Kaiser - Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
Image of the Page - 674 -
Text of the Page - 674 -
Kapitel 10: Kaiser Ferdinand I. im europäischen
Kräftespiel674
kämpfe geriet, für eine gewaltsame Rückgewinnung zu nutzen447. Insofern hatte
jenes angeblich von Frankreich ausgestreute Gerücht einen richtigen Kern, und
das Kalkül des französischen Hofes ging in diese Richtung. Die Instruktion für
Bernard Bochetel, der im Sommer 1560 als Botschafter zu Ferdinand aufbrach,
enthielt nicht die geringste Anweisung, wie er reagieren sollte, falls der Kaiser
auf diese Angelegenheit zu sprechen käme448. Für mehr als zwei Jahre ruhte die
Sache. Repressalien der französischen Magistrate in Metz gegen einen Boten des
Reichskammergerichts, der daran gehindert wurde, Prozeßladungen zuzustel-
len, und schließlich unter Androhung von Leibesstrafen ausgewiesen wurde,
hatten keine Reaktion zur Folge – sofern der Zwischenfall dem Kaiserhof be-
kannt geworden ist449. Den Kardinal von Lothringen vermochte Bochetel zu
beruhigen, von Ferdinand seien keine Maßnahmen gegen seine Herrschaft über
Metz beabsichtigt450. Viel mehr als die verweigerte Restitution der lothringi-
schen Gebiete belastete den Kaiser der alsbald an seinem Hof ausbrechende
Rangstreit zwischen den Gesandten Spaniens und Frankreichs, weil er für die
angestrebte Einmütigkeit der katholischen Mächte hinderlich war451.
Mit der Sendung Bochetels zu Ferdinand ging die französische Regierung ih-
rerseits in eine diplomatische Offensive. Seine Aufträge452 zielten sämtlich dar-
auf, dem Kaiser zu verdeutlichen, wie sehr der französischen Krone der Friede
in der Christenheit am Herzen liege, um ein universales Konzil zu ermöglichen.
So sollte der Kaiser – ebenso wie Philipp von Spanien – veranlaßt werden, zur
Beilegung des Konflikts zwischen England und Schottland auf Königin Elisa-
beth einzuwirken, damit sie ihre Truppen zurückziehe und den schottischen
Rebellen keine Unterstützung gewähre. Ferner sollte er aufgefordert werden,
die Einmischung deutscher Fürsten zugunsten der Gegner der Krone Frank-
reich zu verhindern. Da Bochetel während seiner Anreise mehrere protestanti-
sche Fürsten besuchen sollte (was er allerdings nicht selbst ausführte, sondern
einem Untergebenen übertrug), war noch nicht zu erkennen, ob sich eine echte
Schwenkung der französischen Politik hin zur Kooperation mit dem Kaiser
anstelle der bisherigen Ermutigung der Opposition ankündigte. In den Vorder-
grund der Gespräche trat zunächst, die Reaktion der jeweils anderen Seite auf
die Konzilspläne der Kurie zu beeinflussen, ohne daß es zu einer gemeinsamen
Politik gegenüber der Kurie gekommen wäre453.
Der frühe Tod König Franz’ II. eröffnete eine neue Phase der Unsicherheit
über die künftige Richtung der französischen Politik, denn bei dem jugendli-
447 Solche Überlegungen hat Kurfürst Friedrich angestellt (Kluckhohn, Briefe 1, S. 152f; vgl. Wir-
sching, S. 341).
448 Gedruckt bei Le Laboureur 1, S. 466ff; Berichte Bochetels aus den ersten zwei Jahren seiner
Tätigkeit in Wien sind bis heute nicht aufgetaucht; ob Ferdinand ihm gegenüber das Thema an-
gesprochen hat, ist nicht bekannt.
449 Die Aussage des Betroffenen bei Zeller 2, S. 331ff
450 Das ergibt sich aus einem Schreiben des Kardinals an Bochetel v. 3.9.1560 (BN Paris, Cinq cents
de Colbert 391, S. 127).
451 Dazu Briefe Selds an Herzog Albrecht v. 17. und 30.8.1560 (BHStA München KÄA 4306, fol
493r u. fol 500r/v).
452 wie Anm. 448; vgl. Heidenhain, Unionspolitik, S. 174
453 Dazu s. Kapitel 6, S. 395, 402, 410
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
back to the
book Ferdinand I. als Kaiser - Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V."
Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien