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Kapitel 10: Kaiser Ferdinand I. im europäischen
Kräftespiel686
gingen nicht darauf ein. Vom Dänenkönig kam erst im Frühjahr 1560 eine ab-
lehnende Reaktion mit dem Tenor, die Livländer wollten gar keine Hilfe von
ihm538.
In Livland hatten nach den enttäuschenden Ergebnissen des Reichstages und
des Hansetages jene Kräfte die Oberhand gewonnen, die auf Polen setzten. In
den Wilnaer Abmachungen vom 31. August und 15. September 1559 begaben
sich der Ordensmeister – inzwischen Gotthard Kettler anstelle Wilhelms von
Fürstenberg – und der Erzbischof von Riga unter Schutz und Klientel des pol-
nischen Königs, der das Recht erhielt, einen Teil des Landes, insbesondere
wichtige Burgen, zu besetzen; seinerseits versprach Sigismund August, in Mos-
kau durch eine Gesandtschaft um Frieden fĂĽr Livland nachzusuchen, die im
November (um Martini) abreisen sollte, und das Land gegen russische Angriffe
zu verteidigen539. Gleichsam im Gegenzug nahm der Dänenkönig das Bistum
Ă–sel, mit dem er seinen jĂĽngeren Bruder Magnus abzufinden gedachte, unter
seinen Schutz540. Die Aufteilung Livlands in „Protektorate“ der Ostseemächte
zeichnete sich ab. Danach antwortete Sigismund August auf das Schreiben vom
17. August, er könne dem im Namen des Reichs ergangenen Hilfsersuchen
nicht entsprechen, weil er durch einen Nichtangriffspakt mit dem Zaren gebun-
den sei, und machte vom AbschluĂź der Wilnaer Vereinbarungen Mitteilung541.
Nur wenig später schlüpfte er in die Rolle des Fürsprechers und unterstützte
die Bitte des Ordensmeisters, den Hansestädten die Verschiffung von Kriegsge-
rät nach Rußland zu verbieten542.
In Wien wurden die Wilnaer Handlung und das Verhalten des Polenkönigs
mit großem Befremden aufgenommen. Man argwöhnte dort – wie sich bald
erweisen sollte, mit Recht –, daß letztlich eine „Abwendung“ vom Reich wie
seinerzeit in Preußen beabsichtigt sei, also Säkularisierung und Unterstellung
unter polnische Oberhoheit543. Den Versicherungen, die Sigismund August
durch seinen Gesandten Cromer abgeben ließ, die Schutzverträge seien „salvo
jure S. Romani Imperii“ abgeschlossen worden544, mochte man nicht trauen,
zumal man den Wortlaut nicht kannte und darüber auch noch längere Zeit im
538 Bienemann 4, Nr. 716, S. 220ff: Instruktion für die dänische Gesandtschaft zum Kaiser, m.E. mit
8.1.1561 ein Jahr zu spät datiert. Grundzüge der matten Antwort in HHStA Wien, RHRP 18,
fol 15v/16r: Eintrag zum 4.4.1560: Der Kaiser hoffe, Dänemark als Nachbar des Reiches werde
trotzdem helfen, den gewaltsame Einbruch der „frembden und Moskowitischen nation“ ins
Reich abzuwehren.
539 Der Vertrag mit dem Ordensmeister gedruckt bei Schirren 3, S. S. 267ff; zum Inhalt Zivier, S.
615, Arnell, S. 73f.
540 Der Vertrag ist auf den 26.9.1559 datiert (Schirren 10, S. 184ff); Rasmussen, S. 171 setzt ihn in
den November 1559 und glaubt an eine Vordatierung.
541 HHStA Wien, Polonica 9, 1559 Konv. A, fol 77r/v: Sigismund August an F., Wilna, 23.9.1559
(Or.); vgl. M. Wagner, S. 159
542 HHStA Wien, Polonica 9 Konv. A, fol 86r/v: Sigismund August an F., Wilna, 15.10.1559 (Or.)
543 So Seld an Herzog Albrecht von Bayern, 22.10.1559 (BHStA München, KÄA 4306, fol. 293v)
544 Cromers Auslassungen in HHStA Wien, ebda, fol 85r/v; vgl. M. Wagner, S. 159f.- In der bei
Schirren 3, S. 267ff publizierten Schutzurkunde Sigismund Augusts, die die Abmachungen fest-
hält, findet sich keine derartige Klausel (so richtig Zivier, S. 616 Anm. 1; worauf Reimann, Ver-
halten, S. 360 die gegenteilige Aussage stĂĽtzt, ist nicht ersichtlich).
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- MĂĽnster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien