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Kapitel 10: Kaiser Ferdinand I. im europäischen
Kräftespiel694
ließ die Kurfürsten von Köln und Sachsen um Ergänzung ersuchen, diskutierte
Änderungen an der Instruktion und schlug als Treffpunkt für die abschließen-
den Beratungen über die praktische Umsetzung des Speyrer Abschieds Leipzig
vor, setzte allerdings keinen Termin. Die Kurfürsten von Mainz und Pfalz
wollte er ermahnen, sich von den Beschlüssen nicht abzusondern. Am wichtig-
sten aber war die Ernennung von zwei Kommissaren, die je nach Höhe der
verfügbaren Summen Truppen anwerben und Vorbereitungen für ihren Trans-
port nach Livland sowie ihren dortigen Einsatz als Burgbesatzungen treffen
sollten588. Er war also Anfang 1561 im Rahmen der von den Ständen zu schaf-
fenden Möglichkeiten zur militärischen Intervention in Livland bereit. Seld
dagegen beurteilte diese Ansätze sehr skeptisch: Es habe „ain seltzams ansehen ...,
sich derselben sach über meer dann ain hundert meil so haiß antzunemen und
dagegen den Türcken der uns gleich vor dem tor liegt, so gar zu negligiren...
Aber der frumb kayser will je an seiner person an allen orten sovil ime immer
müglich nichts mangeln noch verwinden lassen“589.
Indessen setzte sich die in Selds Kritik angedeutete, die außenpolitichen Ge-
fahren anders gewichtende Ansicht in der nächsten Zeit am Kaiserhof durch. Sie
erhielt Nahrung durch die erneute Weigerung der darum gebetenen Hanse-
städte, die bewilligte Livlandhilfe vorzustrecken, die damit begründet wurde,
rebus sic stantibus käme das Geld nicht mehr dem Reich, sondern allein Polen
zugute, wofür Seld Verständnis hatte590. Zwar betrieb Ferdinand die Umset-
zung der Beschlüsse des Deputationstages bei den Reichsständen zunächst mit
einem gewissen Eifer, jedoch war er nicht bereit, sich mit eigenen Mitteln für
die Verteidigung Livlands zu engagieren. Stattdessen bemühte er sich darum,
Polen in die vorderste Linie der Abwehrfront gegen die russischen Angriffe auf
Livland zu schieben. Aus etlichen Instruktionen für seinen Gesandten in Polen
läßt sich diese Taktik Ferdinands erkennen.
Ferdinand hatte dem Deputationstag auch Mitteilung machen lassen von ei-
ner neuen, in seinen Augen bedrohlichen Entwicklung in Osteuropa591, der
gegenüber das Schicksal des Baltikums bald sekundär werden konnte. Seit dem
Herbst 1560 begann der Zar um eine Schwester Sigismund Augusts zu werben.
Da der König von Polen kinderlos war und von seiner kranken Gemahlin –
Ferdinands Tochter Katharina – keine Nachkommen mehr zu erwarten waren,
glaubte der Kaiser vor der Gefahr warnen zu sollen, daß der Zar auf jenem We-
ge ganz Polen zu erwerben beabsichtige. Ferdinand hatte seinen neuen Ge-
sandten am polnischen Hof, Valentin Sauermann, bereits instruiert, dort sowohl
den König als auch sonst politisch einflußreiche Personen darauf hinzuweisen,
588 HHStA Wien, RHRP 19, fol 8v-10v: Haller leitete den Eintrag zum 23.1.1561 über die Bespre-
chung der Speyrer Beschlüsse mit der Bemerkung ein: „Darauf ist durch die Kay. Mt. verordnet
worden“.
589 BHStA München, KÄA 4307, fol 22r: Seld an Herzog Albrecht, Begleitbrief v.23.1.1561 zu
Ferdinands Rundschreiben. Auch der Abt von Weingarten meinte, es wäre besser, die Hilfe ge-
gen die Türken einzusetzen (Blarer 2, S. 465: Abt Gerwig an F., 31.3.1561).
590 „Und sihet ime nitt ungleich, das dise leutt nitt so gar auß ainem holen hafen reden“ (BHStA
München, ebda, fol 72r: Seld an Herzog Albrecht, 8.4.1561). Zur Argumentation Lübecks vgl.
Dreyer, S. 112.
591 wie Anm. 573, fol 63v/64r
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien