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Kapitel 10: Kaiser Ferdinand I. im europäischen
Kräftespiel698
mühte sich, die natürlich negative Meinung des Kaisers den Beteiligten zu ver-
mitteln617. Der polnische König wußte, daß dem Kaiser zur Exekution von
Sanktionen die Möglichkeiten fehlten. Kettler begründete seinen Schritt, zu
dem er „allein aus höchster unumgänglicher noth genothdrängt [sic!] und ge-
zwungen worden“, unter anderem mit dem Abfall Revals618. Ferdinand fand
sich mit den im Baltikum geschaffenen Tatsachen ab, auch wenn er dem Or-
densmeister auf seine Entschuldigung eine „schlechte antwort“ erteilte619.
Nachdem er den Inhalt der „zweiten Wilnaer Verträge“ erfahren hatte, ließ er
Sauermann wissen, hierin sei nun nichts mehr zu tun620.
Scheinbaren Vorteil zogen daraus die Hansestädte, denn Ferdinand war nun
zunehmend bereit, ihre Klagen wegen Beeinträchtigung ihres Handels bei den
nordischen Mächten zu unterstützen621. Am 4. Mai 1562 erlaubte er ihnen aus-
drücklich wieder die Fahrt nach Narwa mit der vielsagenden Begründung, es
gebe keinen Grund, ihnen „ihre Nahrung abzustricken“, da sich die Livländer
„ganz aus des Reiches Gehorsam gezogen und an andere Herrschaften begeben
haben“622; nur die Lieferung von Rüstungsgütern an Rußland blieb verboten.
Allerdings stieß Lübecks Narwahandel von nun an auf einen in der Ostsee
mächtigeren Gegner, denn am 25. April hatte Erich XIV. seinerseits ein gleiches
Verbot erlassen und sich dabei auch auf die bisherigen kaiserlichen Anordnun-
gen berufen623. Trotz kaiserlicher und kurfürstlicher Fürsprache ist es den Lü-
beckern bis zum Ausbruch des nordischen Krieges nicht gelungen, den König
von Schweden zur Rücknahme zu bewegen624. Vielmehr hatte dieser die
Chuzpe, in Wien um Strafmandate gegen diejenigen nachzusuchen, die gegen
das kaiserliche Verbot der Narwafahrt verstießen – er nahm den jüngsten Erlaß
also nicht zur Kenntnis. Die Antwort Ferdinands fiel moderat aus: Er lasse es
bei seinen „vorigen mandaten und verordnung“ – das konnten nur die letzten
sein – bleiben und sei bereit, Anzeigen von Verstößen dagegen nachzugehen625.
Pflichtschuldig erstattete Ferdinand den Kurfürsten während des Frankfurter
Wahltages im November 1562 auch über den Stand der Dinge in Livland Be-
richt. Folgen hatte der Meinungsaustausch nicht626.
Als Satyrspiel zur Tragödie des livländischen Ordensstaates kann man die
Bitte Sigismund Augusts an Ferdinand vom April 1563 ansehen, die 1559 be-
617 Das ergibt sich aus Ferdinands Schreiben v. 24.11.1561, in dem Sauermann für seinen Einsatz in
dieser Sache gelobt wird (HHStA Wien, Polonica 11 Konv. F, fol 102r/v, Konz.).
618 Bienemann 5, S. XIV: Kettler an F., 4.12.1561
619 So Seld an Herzog Albrecht, 22.1.1562 (BHStA München, KÄA 4307, fol 290v, eigh. Or.)
620 „nihil est quod tibi ... amplius agendum mandemus“ (F. an Sauermann, Wien, 30.12.1561, in
HHStA Wien, Polonica 11 Konv. F, fol 140r).
621 Seld berichtete Herzog Albrecht am 19.2.1562 von einer Beschwerde Hamburgs über die Kape-
rung mehrerer Schiffe durch Dänemark und von den Bemühungen Ferdinands, eine gütliche Lö-
sung zu erreichen, um größere Spannungen im Norden zu vermeiden (BHStA München, KÄA
4307, fol 312v/313r, eigh. Or.).
622 Zitiert nach Dreyer, S. 131
623 Dreyer, S. 133f
624 Dreyer, S. 152f
625 HHStA Wien, RHRP 21, fol 32r: Eintrag zum 20.3.1563
626 Moser, Wahlkapitulation, S. 939; Goetz, Wahl, S. 193f
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien