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Kapitel 10: Kaiser Ferdinand I. im europäischen
Kräftespiel702
Zur Heiratspolitik Ferdinands
Die berühmte Sentenz „Bella gerunt alii – tu, felix Austria, nube!“ scheint ein-
prägsam auf den Punkt zu bringen, daß Heiratspolitik ein Instrument der Au-
ßenpolitik in der Frühen Neuzeit gewesen ist, das die Habsburger besonders
erfolgreich zu handhaben verstanden. Indessen war bei jenen doppelseitigen
Eheverbindungen, die Maximilian I. – auf den der Spruch zielte – abgeschlossen
hat und die zur Basis für das Fußfassen in Spanien und die Erwerbung Böh-
mens und Ungarns geworden sind, das Ergebnis keineswegs vorhersehbar. Es
war Schicksal, wenn die Thronprätendenten der Partner-Dynastien vorzeitig
starben und die Habsburger überlebten und das Erbe übernehmen konnten.
Für Maximilians Enkel, Karl und Ferdinand, sind Eheversprechen und Heiraten
ebenfalls politische Instrumente gewesen650, doch ist die Fügung von Leben
und Tod bei ihren Projekten ebenso ein unkalkulierbarer Faktor geblieben, der
weitgespannte Pläne ausgelöst oder zunichte gemacht hat. Hermann Weber hat
drei Zielrichtungen genannt, für die Heiraten als politisches Instrument einge-
setzt worden sind: „1. Festigung und Erweiterung der Hausmacht, 2. Herstel-
lung von Bündnissen und Bündnissystemen, 3. Besiegelung von Friedensschlüs-
sen“651. Während im ersteren Fall nicht vorhersehbar war, ob dem zusammen-
gefügten Ehepaar lebenstüchtige Kinder beschieden sein würden, mußte bei den
beiden anderen abgewartet werden, ob die verwandtschaftliche Beziehung in
der Zukunft das politische Zusammengehen oder den friedlichen Ausgleich
divergierender Interessen wirklich fördern würde, ob etwa die Braut bzw. Ehe-
frau den gewünschten Einfluß auf ihren Gemahl gewinnen konnte652. Im Fol-
genden soll behandelt werden, welche Prinzipien und Zielsetzungen die Hei-
ratspolitik Ferdinands bestimmt haben und welche Vorteile die angetrebten
Heiraten erbringen sollten.
Schon 1524 befürwortete der junge Erzherzog Eheschließungen naher Ver-
wandter als Instrument zur Erlangung politischer Vorteile: Er empfahl Karl V.,
ihre beiden ledigen Schwestern in zwei der drei weltlichen Kurfürstenfamilien
einheiraten zu lassen, um Stimmen für seine eigene Königswahl zu sichern, die
er damals dem Bruder dringlich machen wollte653. Gewiß, solange Karl V. re-
gierte, war die Orientierung an den Interessen des Bruders die wichtigste Leitli-
nie Ferdinands bei den die eigene Familie betreffenden Ehen. Das schloß gele-
gentliche Kollisionen nicht aus, wie sie auch später trotz aller Bemühungen um
Abstimmung mit Philipp II. vorgekommen sind. Mehrere der älteren Kinder
Ferdinands haben den politischen Zielen Karls dienen müssen, doch läßt sich
nicht bestreiten, daß auch Ferdinand davon profitieren konnte und profitiert
hat, sofern die Heiraten die Erwartungen erfüllten. Grundsätzlich hat Ferdi-
nand darauf geachtet, seine Töchter nur an regierende Fürsten oder an Prinzen,
650 Zur Vielfalt der Varianten, die durch den Begriff „Heiratspolitik“ zusammengefaßt werden, vgl.
die grundsätzlichen Überlegungen von H. Weber, Heiratspolitik, S. 130f.
651 H. Weber, Bedeutung, S. 11
652 Man denke an die Ehe der älteren Schwester Karls V., Eleonore, mit Franz I. von Frankreich,
der trotzdem noch zwei Kriege gegen seinen kaiserlichen Schwager geführt hat.
653 KF 1, S. 163ff; Karl ist damals nicht darauf eingegangen.
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien