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Kapitel 10: Kaiser Ferdinand I. im europäischen
Kräftespiel704
Regierung sagte Ferdinand zunächst nur eine wohlwollende Prüfung zu662 und
ließ dann – sicher nicht nur zur großen Enttäuschung Helfensteins – die durch
Ottheinrichs Tod anscheinend gebotene Chance ungenutzt verstreichen663. Der
Kommentar von Walter Goetz, „daß weder das kurpfälzische Haus noch die
protestantische Partei sich gutwillig in solche Veränderung gefügt haben wür-
den“664, bedarf der Ergänzung, daß ein so gravierender Eingriff in das Kurkol-
legium zugunsten der Katholiken und des angeheirateten Verwandten die von
Bayern prognostizierten Vorteile nicht gebracht, sondern im Reich destabilisie-
rend gewirkt hätte. Der Politik Ferdinands, die Verhältnisse im Reich möglichst
zu konsolidieren, lief der Vorschlag diametral entgegen. Die Bemerkung, mit
der Ferdinand die von Albrecht beanspruchte Belehnung mit dem Herzogtum
Neuburg verweigert haben soll – „man soll nit leus in belz setzen, sie wachsen
wol selbst darin“ –, benennt das Risiko drastisch und treffend665. Ebenso be-
handelte er Albrechts Supplik dilatorisch, den Pfalzgrafen Friedrich zur Einlö-
sung eines vertraglich gegebenen Versprechens, ihm die KurwĂĽrde abzutreten,
anzuhalten666. Eine merkliche Belastung der Beziehungen hat Ferdinands ab-
lehnende Haltung offenbar nicht bewirkt. –
Durch die Hand der Erzherzogin Maria sollte Herzog Wilhelm von JĂĽlich-
Kleve nach seiner Niederlage im Geldrischen Erbfolgekrieg an die Habsburger
gebunden und der französischen Politik die Möglichkeit genommen werden,
hier wieder einen für die Niederlande gefährlichen Bundesgenossen zu finden.
Die Beziehungen Ferdinands zu seinem Schwiegersohn am Niederrhein sind
nicht besonders eng gewesen, er wurde in den reichs- und religionspolitischen
Fragen keine verläßliche Stütze für den neuen Kaiser. Bald nachdem Karl V. die
Niederlande fĂĽr immer verlassen hatte, lieĂź Wilhelm Neigungen zu evangeli-
schen Ansichten erkennen, die Ferdinand schlieĂźlich dazu bewogen haben, aus
Sorge um das Seelenheil seiner Enkelkinder ein ausführliches und sehr persönli-
ches Mahnschreiben an ihn zu richten667.
Die Ehe zwischen Maximilian und seiner Base Maria, der ältesten Tochter
Karls V., ist als ein zweiter wichtiger Posten – neben der intendierten Nachfolge
Philipps im Reich – in den Kalkulationen Karls V. interpretiert worden, wie die
Macht des Hauses Habsburg weiterhin zusammengehalten werden könne668.
Indessen lag auch Ferdinand die Vorstellung von einer neuen Vereinigung des
gesamten habsburgischen Machtbereichs in der nächsten Generation, aber unter
FĂĽhrung seiner Linie, nicht fern669. Im Zusammenhang mit dem Streit um die
662 Nicht mehr beinhaltet seine Bemerkung zu Helfenstein, er wolle nichts unterlassen, „so zu
befurderung derselben handlung dienliche sein mag“ (ebda, S. 136).
663 Helfensteins zornige Kommentare, aus denen leider die Argumente Ferdinands nicht hervorge-
hen, bei Goetz, Beiträge, S. 149 u. S. 151; eine kritische Äußerung von Zasius ebda, S. 152 Anm.
664 Goetz, Bayerische Politik, S. 130
665 Kluckhohn, Briefe 1, S. 6 Anm. 1; die Authentizität ist nicht ganz sicher.
666 Die Supplik (nach einer Kopie aus hessischem Bestand) bei Kluckhohn, Briefe 2, S. 1030; vgl.
auch das bayerische Memorial bei Goetz, S. 149 Anm. 2
667 Laubach, Mahnschreiben, passim
668 Rassow, Tochter Maria, S. 162ff
669 Fichtner, Ferdinand, S. 237, behauptet, Ferdinand habe auf der Bestätigung der Sukzessions-
rechte der Braut in Spanien bestanden – leider ohne Beleg.
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- MĂĽnster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien