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Kapitel 10: Kaiser Ferdinand I. im europäischen
Kräftespiel722
nächste Anwärterin auf den englischen Thron, und man wußte in Wien, daß
auch viele Engländer dieser Ansicht waren.
Nachdem die englisch-habsburgische Verbindung gescheitert war, sah Papst
Pius IV. in der Heirat Marias mit einem Erzherzog eine Chance für die Rück-
führung der britischen Insel in den „Gehorsam gegen die katholische Kirche“
und zögerte nicht, dem Kaiser diese Überlegung nahelegen zu lassen796. Ob-
wohl Ferdinand schon selbst auf den Gedanken gekommen war und Philipp II.
um Rat fragte797, ließ er die päpstliche Anregung ausweichend beantworten798,
ein Indiz dafür, daß er zu diesem Zeitpunkt die gegenreformatorische Motivati-
on des Papstes für unangebracht hielt. Im Vorfeld des Konzils, dessen europäi-
sche Beschickung und Anerkennung Ferdinand ja sehr am Herzen lag, konnte
eine hastig betriebene Ehe mit Maria Stuart im Blick auf Englands Teilnahme
leicht kontraproduktiv wirken799. Zudem war die Reaktion Frankreichs, das
man eben erst und nur mit großer Mühe zur Annahme des Konzilsortes hatte
bewegen können, auf einen solchen Schritt zu bedenken, der ja ein Eindringen
in seine bisherige Interessensphäre bedeutete. In der Tat haben Gerüchte über
das Projekt den französischen Hof beunruhigt: Katharina von Medici beauf-
tragte ihren Botschafter beim Kaiser, sich genau über den Stand der Dinge zu
informieren, und der englische Gesandte in Paris meldete, abgesehen von den
Guisen sei man nicht begeistert800.
Behutsam ließ Ferdinand durch Nikolaus von Pollweiler, der die beim
Thronwechsel übliche Anteilnahme und Glückwünsche in Paris vortragen
sollte, erkunden, wie am französischen Hof über die Zukunft Marias gedacht
würde801. Nach den Informationen, die Ferdinand über die Mission Pollweilers
dem Grafen Luna gab802, hatte der Kardinal von Lothringen im Gespräch deut-
lich gemacht, Maria werde weder einen Franzosen noch einen Schotten heira-
ten, und die Vermählung mit Erzherzog Karl vorgeschlagen, während er Don
Carlos als Partner ausgeschlossen habe, weil das für Frankreich nicht tragbar sei
und er überdies nicht in Schottland residieren könne. Mit der Hervorhebung
des letztgenannten Aspektes wollte Ferdinand wohl auch signalisieren, daß er
diesmal – anders als bei Elisabeth von England – den spanischen Verwandten
nicht den Vortritt einzuräumen gedachte. Er ließ Philipp wissen, er wolle unter
zwei Bedingungen über jene Ehe verhandeln: (1) Maria müsse katholisch blei-
ben – ein Postulat, das sicher nicht durch ihre persönliche Glaubenshaltung
motiviert war, an der Ferdinand gar nicht zweifelte, sondern durch den religiö-
sen Umsturz in Schottland; (2) sie müsse in Schottland als Erbkönigin aner-
796 Sickel, Konzil, S. 161: Arco an F., 11.1.1561
797 CDI 98, S. 190: Luna an Philipp, 28.12.1560
798 Sickel, Konzil, S. 161 u. S. 175
799 Englands endgültige Ablehnung der Teilnahme am Tridentinum wurde erst am 5. Mai 1561
beschlossen (Pastor, Päpste 7, S. 452).
800 Ferrière 1, S. 186f: Weisung an Bochetel v. 11.4.1561; Stevenson 4, S. 41: Throckmorton an
Elizabeth, 31.3.1561
801 Diemer, S. 102
802 CDI 98, S. 220f: Luna an Philipp, 24.5.1561; vgl. Evenett, S. 232
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien