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Zur Heiratspolitik Ferdinands 723
kannt werden – das Risiko, daß sein Sohn in einen unentschiedenen Bürgerkrieg
geraten könnte, wollte Ferdinand nicht eingehen.
Zu keiner Zeit führte Ferdinand durch eigene Gesandte mit Maria Stuart
Heiratsverhandlungen, weder während ihres mehrmonatigen Aufenthaltes in
Lothringen 1561 noch nach ihrer Rückkehr nach Schottland803, und er hatte es
zunächst mit dem Projekt nicht eilig. Es hat den Anschein, als ob er sich scheu-
te, ein zweites Mal direkt an eine souveräne Königin heranzutreten, und statt-
dessen gern die Gelegenheit wahrnahm, nahe männliche Verwandte der be-
gehrten Dame einzuschalten. Dem Kardinal von Lothringen, ihrem Onkel aus
der Familie Guise, traute er anscheinend genügend Einfluß zu, um ihr den Hei-
ratsplan mit seinem Sohn Karl plausibel zu machen. Diese Fixierung auf die
Guisen als Ansprechpartner war zweifellos keine glückliche Taktik Ferdinands.
Die Angelegenheit verdeutlicht zugleich exemplarisch die Nachteile, die dem
Kaiser daraus entstanden, daß er an vielen europäischen Höfen keine ständigen
diplomatischen Vertreter unterhielt, die ihn über die dortigen politischen Ten-
denzen und Stimmungen hinreichend informierten, in Schottland ebensowenig
wie in Frankreich, England und Skandinavien.
Erst Ende Januar 1562 ließ er Pollweiler erneut bei dem Kardinal wegen des
Eheprojektes vorsprechen804. Gegenüber Herzog Albrecht von Bayern, den er
bis dahin anscheinend nicht näher eingeweiht hatte, obwohl er mit ihm sonst
alle Eheprojekte zu beraten pflegte, bezeichnete Ferdinand den Kardinal als
Urheber des Plans; er selbst habe erst einmal abgewartet, wie sich die Dinge in
Schottland entwickeln würden und ob Maria Stuart bei ihren Untertanen die
freie Wahl ihres Gatten werde durchsetzen können. Nach seinem Eindruck war
das inzwischen geklärt805. Aber obwohl Guise versprach, sich über die Stim-
mung in Schottland informieren zu wollen, kam es das ganze Jahr nicht zu nen-
nenswerten Schritten806.
Als jedoch der Kardinal im Februar 1563 den Kaiser in Innsbruck besuchte,
schien die Sache in das vorentscheidende Stadium zu treten; denn im Beisein
Maximilians erweckte er bei Ferdinand die Überzeugung, alle wesentlichen
Voraussetzungen seien erfüllt807. Maria Stuart stehe fest im katholischen Glau-
ben; in Schottland habe sie sich gegen die Adelsrebellion durchgesetzt, auch sei
die Mehrzahl ihrer Untertanen nach wie vor katholisch; Katharina von Medici
befürworte die Heirat mit Erzherzog Karl. Darüber hinaus behauptete der
Kardinal, es bedürfe nur noch der formalen Vollmacht Marias, denn er habe
von ihr freie Hand zu Verhandlungen mit dem Kaiser, zumal sie mit seiner und
Frankreichs Hilfe auch England zu gewinnen hoffe. Ferdinands Zusatz, „dan sy
yst an alle zwaifl die recte [sic!] erbin“, nötigt zu der Frage, ob jetzt sogar er
daran dachte, wenn Karl in Schottland Fuß gefaßt hätte, könnte die Herrschaft
803 Am 14.8.1561 segelte sie von Le Havre ab (Stevenson 4, S. 263).
804 Diemer, S. 103; Fournier, S. 5
805 Moser, Wahlkapitulation, S. 680ff: F. an Albrecht, 12.3.1562. Albrecht hatte durch den Nuntius
Commendone von dem Projekt erfahren (ebda, S. 679).
806 Diemer, S. 103f
807 Zum folgenden Fournier, S. 26ff: F. an Erzherzog Karl, 19.2.1563; Ferdinand bemerkt eingangs,
er habe gehofft, daß der Kardinal das Heiratsthema anschneide.
CC BY-NC-ND 4.0 | DOI https://doi.org/10.17438/978-3-402-21806-8
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Ferdinand I. als Kaiser
Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Title
- Ferdinand I. als Kaiser
- Subtitle
- Politik und Herrscherauffassung des Nachfolgers Karls V.
- Author
- Ernst Laubach
- Publisher
- Aschendorff Verlag
- Location
- Münster
- Date
- 2019
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-402-18044-0
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 786
- Keywords
- Ferdinand I., Karl V., 16. Jahrhundert, Kaisertum, Reformation, Geschichte, Konfession
- Category
- Biographien