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DREI KAISER – DREI
BIBLIOTHEKEN226
genannten, nach Schulen geordneten Bestand von grafischen Reproduktio-
nen zumeist nach Gemälden, dann die Ansichtensammlung mit landschaft-
lich-ethnografischem Schwerpunkt, weiters den Nachlass Lavaters sowie
schlussendlich den gewiss umfangreichsten Teil – die Porträtsammlung.
Der erstgenannte Bestand ist ähnlich den Landkarten ebenfalls seit 1835
nur wenig erweitert worden und Becker sieht von einer Vermehrung mit
Ausnahme spezifisch vaterländischer Blätter auch ab. Eine Ergänzung der
Lücken sei de facto unmöglich und darüber hinaus auch nicht notwendig,
da „die Pflege der Kunst in dieser Richtung schon durch ein Mitglied des
kaiserlichen Hauses umfassend vertreten [werde], indem die Kunstsamm-
lung Seiner kaiserlichen Hoheit des Herrn Erzherzogs Albrecht nicht nur
an innerm [sic] Wert sondern auch an Umfang zu den bedeutendsten in Eu-
ropa gehört.“ Dem Ausbau der Ansichtensammlung (Vues) bringt Becker
hingegen ungleich größeres Interesse entgegen, sofern sie „Österreichisches
in sich fasst“. Es ist wenig überraschend, dass auch hier ein Versagen Khlo-
ybers konstatiert wird, der „wenn er die Sache mit Verständnis und festem
Willen anfasst […] mit wenig Mitteln viel hätte leisten können und – wenn
ich das specifisch vaterländische Interesse dieser Sammlung in Anschlag
bringe, auch leisten sollen“. Becker verspricht hier „seine Privatbetriebsam-
keit in Bewegung“ zu setzen, denn „viele solcher Bilder, die für die Cultur-
geschichte sehr wichtig sind, finden sich in Privathänden unbeachtet und
dem Ruin preisgegeben“. Gerade hier müsse der Bibliotheksvorstand „im
eigentlichen Sinne des Wortes Sammler sein“. Im Hinblick auf den Nach-
lass Lavaters, der als geschlossener Bestand bezeichnet werden kann, plant
Becker nach einer kritischen Sichtung eine dem einzigartigen Wert dieser
Sammlung gebührende Katalogisierung nach kunstwissenschaftlichen Prin-
zipien. Nach einem ersten Ansinnen Kaiser Franz’ I. aus dem Jahr 1831, den
Nachlass selbst sichten und ordnen zu wollen, ist dies nun der zweite An-
lauf, der aber ebenfalls nicht zur Ausführung gelangen wird. In inhaltlichem
Zusammenhang damit steht die Porträtsammlung, die wie Becker anführt,
der Tradition nach durch ein besonderes Interesse Franz’ I. „zu physiogno-
mischen Studien“ entstanden sein soll, was aber neueren Forschungen zu-
folge in Zweifel gezogen werden muss.719 Abseits beständiger Porträtankäufe
in Kleinmengen über den Kunsthandel hatte die letzte größere Bestands-
vermehrung noch zu Lebzeiten Franz’ I. im Jahre 1828 stattgefunden, als
man Lücken im Porträtbestand ausländischer Regenten und deren Familien
schließen wollte, indem zahlreiche k. k. Gesandtschaften im Ausland mittels
Zirkularschreiben aufgefordert wurden, die abgehenden Konterfeis an ih-
719 Vgl. Poch, Porträtstichsammlung, 49–51 bzw. 59–68.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken