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DIE FIDEIKOMMISSBIBLIOTHEK UND DIE PRIVATBIBLIOTHEK FRANZ JOSEPHS 265
wohl in quantitativer als auch in personeller Hinsicht reagierte und das Ka-
talogprojekt entsprechend adaptierte.
5.8 Die ferdinandeische wird der franzisko-josephinischen
Privatbibliothek einverleibt (1875)
Mit dem Tod Ferdinands I. am 29. Juni 1875 fällt Franz Joseph dessen Pri-
vatbibliothek durch Erbschaft zu. Der verstobene Kaiser hatte bereits 1850
unter Mitwirkung seines Obersthofmeisters Graf Brandis sein Testament
aufsetzen lassen.866 Sein Neffe war darin zwar zum Universalerben berufen
worden. Ferdinands Gattin sollte jedoch lebenslangen Fruchtgenuss an sei-
nem Gesamtvermögen und die böhmische Herrschaft Reichstadt als Allein-
erbin erhalten. Den persönlichen Aufzeichnungen Brandis’ zufolge hatte
der Wiener Hof bald von der Tatsache einer Testamentsaufsetzung erfah-
ren, ohne jedoch dessen Inhalt zu kennen. Gerüchteweise sollte Ferdinand
darin sein Vermögen zu gleichen Teilen seiner Gattin und seinem Bruder
Franz Karl vermacht haben. Staatsrat Johann Baptist Freiherr von Pilgram
wird daraufhin beauftragt, nähere Auskünfte in Erfahrung zu bringen. Der
in dieser Angelegenheit befragte Obersthofmeister Graf Brandis weist die
Anfrage jedoch schroff mit dem Hinweis zurück, dass diese Nachforschun-
gen zu einer Missstimmung führen würden, sollten sie Kaiser Ferdinand zur
Kenntnis gelangen. Die Interventionsversuche bewirken allerdings schließ-
lich, dass Ferdinand am 9. Mai 1858 sein Testament dahingehend ändert,
dass Maria Anna neben einer Einmalzahlung von 200.000 fl. und weiteren
500.000 fl. in Nationalanleihen lediglich eine jährliche Rente von 120.000 fl.
samt dem lebenslangen Fruchtgenuss der Herrschaft Ploschkowitz erhalten
soll.867
Eine dem Verlassenschaftsakt beiliegende Vermögensaufstellung misst
der Ferdinandea, deren Umfang mit etwa 25.000 Bänden angegeben wird,
einen Wert von anderthalb Millionen Gulden bei, was sechzig Gulden pro
Band entspräche. Diese Schätzung scheint in Anbetracht der vielen klein-
formatigen Werke und Broschüren viel zu hoch gegriffen. Im Vergleich
dazu werden den Einrichtungsgegenständen im Schloss zu Ploschkowitz
ein Wert von 60.000 fl. und jenen des Schlosses von Reichstadt gar nur von
50.000 fl. zugemessen. Die gesamte Herrschaft Ploschkowitz wird mit le-
diglich 404.813 fl. und das Herzogtum Reichstadt mit 855.555 fl. 50 kr. ta-
866 Publiziert in Kramp, Brandis, 405–407.
867 Testament Ferdinands liegt unter Wien, ÖStA, HHStA, Habsburg-lothringische Famili-
enurkunden Nr. 2506; vgl. die Transkription im Anhang Abschnitt 6.7.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken