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DIE FIDEIKOMMISSBIBLIOTHEK UND DIE PRIVATBIBLIOTHEK FRANZ JOSEPHS 315
ihrer Zeit sind sie nicht ohne Intereße für die Entwicklungsgeschichte der
Nationalliteraturen und manche dieser Werke in so reinen Exemplaren wie
die vorhandenen, gehören dermalen schon zu den Seltenheiten. Bey dem nur
seltenen Gebrauch in der Gegenwart dürfte es genügen, wenn sie in elegante
Steifbände mit Titel gebunden würden, wobey der Oktavband beiläufig auf
14 Xer C.M. zu stehen käme. Auf diese Weise würde im Vergleiche mit den
per Band beantragten 50 X. C.M. Umbindungskosten eine namhafte Vermin-
derung der Gesammtauslagen einträten müßen, um so beträchtlicher, wenn
auch die bisher broschirt aufgestellten Werke minderen Umfangs und Belangs
auf dieselbe Weise behandelt würden“.1009
Dem Bibliotheksvorsteher wird also in der Sache rechtgegeben, jedoch kann
Birk klar und sachlich nachweisen, dass weder die im Raume stehende be-
trächtliche Investition in die Bestandserhaltung in Relation zum Wert der
Bücher steht, noch Gefahr in Verzug wäre. Interessanterweise bringt der
Skriptor der Hofbibliothek dem Inhalt der Werke aus der Bibliothek Maria
Elisabeths mehr wissenschaftliche Wertschätzung entgegen, als dies etwa
Kaiser Franz im Stande war. Die schlussendlich in Vorschlag gebrachten,
kostensparenden Maßnahmen waren sicherlich ganz im Sinne der ferdin-
andeischen Beamten Bombelles und Geringer.
Dass diese Angelegenheit doch nicht ganz friktionsfrei abgelaufen ist, wie
es bisher den Anschein hatte, lässt eine Passage aus dem Arbeitsprogramm
erahnen, das Khloybers Nachfolger Moritz von Becker 1870 anlässlich sei-
nes Dienstantritts als Bibliotheksvorstand verfasst hatte. Zum besseren Ver-
ständnis: dieser Text wurde mit der Intention verfasst, das in den 1850er
Jahren eingezogene Kassaguthaben zur Bearbeitung ungebundener oder gar
unvollständiger Werke aus Khloybers Amtszeit wieder zur Verfügung zu be-
kommen – ein Missstand, der erst nach Khloybers Tod offenkundig wurde.
Becker berichtet darin über diesen Besuch Münch-Bellinghausens und Birks
bei Khloyber am 21. März 1853:
„An sich etwas reizbarer Natur und durch die Vertrauensstellung verwöhnt, die
er bei weiland Seiner Majestät dem Kaiser Franz I. eingenommen hatte, kam v.
Khloyber durch die Verfügung, dass man die Richtigkeit seiner Angaben durch
eine Commission constatieren lasse, in eine unbeschreibliche Aufregung, was
zur Folge hatte, dass er sich gegen die beiden Abgeordneten nichts weniger als
entgegenkommend benahm, ihnen einige vom Wurm angefressene Bücher als
Beleg seiner Angaben vorwies, aber die aufgehäuften Vorräthe von ungebunde-
nen und incompletten Werken gar nicht zeigte. Dadurch wurden die Mitglieder
1009 Ebenda, Schreiben vom 20. [wohl 21.] 03.1853.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken