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DREI KAISER – DREI
BIBLIOTHEKEN342
Kulissen interveniert, beratschlagt und entschieden wird. Da Zufallsfunde
im Haus-, Hof- und Staatsarchiv zu den raren Quellen gehören, die einen
Blick auf das im Hintergrund agierende Netzwerk gewähren, sollen diese
nun ausführlicher zu Wort kommen. Braun setzt Geringer im Auftrag Kai-
ser Franz Josephs bereits am 27. Mai 1869 vertraulich von dem Gesuch in
Kenntnis,
„mit welchem der kk. Schulrath und Lehrer der durchlauchtigsten kaiserli-
chen Kinder, Ritter von Becker, sich um die, durch das Ableben des seitheri-
gen Custos Vorstandes, Regierungsrathes von Kloyber erledigte Stelle in Be-
werbung setzt. In gehorsamster Befolgung der allerhöchsten Weisung beehre
ich mich demnach Euer Hochwohlgeborn ergebenst zu ersuchen, mir vor der
Erstattung des diesfälligen Vorschlages über die Thunlichkeit der Berücksich-
tigung dieses für den genannten Posten ganz besonders geeigneten Compe-
tenten geneigtest deren Wohlmeinung mitzutheilen und hiebei auch den Um-
stand in Rücksicht zu nehmen, daß im Falle der Ernennung Beckers auf die
allerhöchste Geneigtheit wohl gerechnet werden dürfte, die dermahligen Bib-
liotheksbeamten und namentlich den rangältesten Skriptor Georg Thaa durch
Verleihung angemessener Zulagen beziehungsweise einer Auszeichnung für
den momentanen Entgang der graduellen Vorrückung thunlichst schadlos zu
halten.“1104
Man ist sich also eines drohenden Aufstandes beim Personal bewusst, sollte
jemand von außen favorisiert werden. Bereits am nächsten Tag (!) ant-
wortet Geringer aus Prag, dass das Kaiserpaar gerade im Begriff sei nach
Ploschkowitz zu übersiedeln und es (aufgrund der dadurch bedingten ner-
vös-aufgeregten Gemütsverfassung) „durch längere Zeit nicht thunlich sein
wird […] die Angelegenheit [mit Ferdinand] auch nur gesprächsweise zu be-
handeln“. Geringer hatte aber bereits vorgesorgt und schon zuvor „an dem
maßgebenden Orte erwähnt“, dass diese Personalentscheidung „dem regie-
renden Herrn“ und Erzherzog Franz Karl „anheim zu stellen sein dürfte“,
worin ihm beigepflichtet worden sei. Der Sekretär Franz Karls, Christoph
von Columbus, habe ebenfalls bereits angedeutet, dass der kaiserliche Bru-
der die Wahl seinem Sohn Franz Joseph überlassen wolle. Noch ungeklärt
wären die Bezüge für den neu zu Ernennenden, da Khloybers (Grund-)gehalt
für Becker wohl zu niedrig sein dürfte. Geringer erwähnt weiters, dass er
von Georg Thaa einen langen Brief erhalten habe, indem er ihn bat „ihm
und den Mitbeamten irgend eine Zurücksetzung zu ersparen“, was Geringer
wohl als Angst vor Gehaltskürzungen interpretiert, da in dem Schreiben die
1104 Wien, ÖStA, HHStA, Kabinettskanzlei, Direktionsakten, Kt. 5, 4–1869.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken