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ANHANG 415
der Sammlung. Diesem Werte wird es auch entsprechen, wenn ich, so bald
es nur die Umstände zulassen, dafür sorge, dass dieselbe mit Rücksicht auf
ihre kritische Sichtung in einem nach kunstwissenschaftlichen Principien
geordneten Catalog zusammengestellt werde.
Ad. d Die Porträtsammlung130 der k k Familienbibliothek verdankt ihren
Ursprung – der Tradition nach – einer besondern [sic] Hinneigung weiland
Seiner Majestät des Kaisers Franz zu physiognomischen Studien, die sei-
ner Zeit, durch Lavater angeregt, in der wissenschaftlichen Welt eine große
Bewegung hervorriefen. Zur Stütze dieser Tradition möchte ich anführen,
dass in der That beinahe die ganze Literatur über Physiognomik aus jener
Zeit durch den Kaiser der Bibliothek zugewendet wurde und auch der An-
kauf der Sammlung Lavaters aus diesem Motive floss. Aus den in der Biblio-
thek vorfindlichen Andeutungen geht weiter hervor, dass der Gedanke zur
Anlage einer gesonderten Sammlung von Porträten unmittelbar vom Kai-
ser ausgieng [sic] und dass alle Anordnungen, welche bezüglich der Wahl,
Einreihung, Adjustierung und Beschreibung der Bildnisse getroffen wurden,
Ausfluss der directen Betheiligung Seiner Majestät waren, indem sogar die
Aufschriften in den einzelnen Bilderportefeuilles von des Kaisers eigener
Hand herrühren. [pag. 37] Mit welcher Vorliebe der Gedanke einer Porträts-
ammlung von Seiner Majestät erfasst und mit welcher Energie derselbe ver-
folgt wurde, geht aus dem Umstande hervor, dass nicht nur die österreichi-
schen Vertreter an auswärtigen Höfen angewiesen waren, alles, was ihnen
an Porträten merkwürdiger Personen (in Kupferstich) möglich sei, für die
Bibliothek anzukaufen, sondern der Kaiser auch geeignete Personen reisen
ließ, um Porträte zu sammeln und, wo ein merkwürdiges Bildnis nicht durch
Kauf zu bekommen war, dasselbe wenigstens in einer leichten Copie für die
Bibliothek zu gewinnen. So kam es, dass die Porträtsammlung sich in kurzer
Zeit als ein bedeutsamer Gegenstand der besondern [sic] Pflege entwickelte,
und, da dieses Lieblingsfach des Kaisers auch durch Ihre Majestät die Kai-
serin Carolina Augusta mit nicht minder eingehendem Verständnis und leb-
hafter Unterstützung bedacht wurde, in den letzten Lebensjahren des Kai-
sers auf einer Höhe stand, dass man sie an Ausdehnung, Reichhaltigkeit und
historischem Wert unbedingt als die größte unter allen bestehenden bezeich-
nen konnte. Auch davon liegen Anzeichen genug vor, dass mein Vorgänger
im Amte sich während seiner vierzigjährigen Dienstleistung mit besonderer
Vorliebe der Porträtsammlung annahm, und selbst nach dem Tode Seiner
Majestät ihres Begründers für ihre Vermehrung nach jeder Seite hin besorgt
war. Leider trat auch hier wieder jene seltsame Verbitterung des Gemüthes
130 Mit blauem Buntstift unterstrichen, zuvor bereits von Becker mit Tinte unterstrichen.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken