Page - 471 - in Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918 - Metamorphosen einer Sammlung
Image of the Page - 471 -
Text of the Page - 471 -
BIBLIOTHEKSGESCHICHTE 471
gerichtet war, der sich dagegen verwehrte, die von Thallóczy unterstellten
„Intentionen“ zu haben, und feststellte: „Ich vollziehe lediglich die Aufträge
meines Chefs“. Für Generaldirektor Chertek wiederum hatte sich das „Inte-
resse an der Beförder[un]g Hodinkas z[um] Professor“ nun merklich verrin-
gert. Er ordnete dessen vorzeitigen Dienstantritt in der Fideikommissbib-
liothek am 3. Juli an und befahl, dass die Einhaltung der Amtszeiten durch
den Skriptor und dessen Arbeitsleistung in Zukunft einer strengen Aufsicht
zu unterziehen seien.138 Hodinkas Aussichten auf eine Karriere als Univer-
sitätsprofessor schienen dadurch wieder zu schwinden. Doch das Blatt sollte
sich erneut wenden.
Wie nämlich Schnürer, der inzwischen Leiter der Fideikommissbibliothek
geworden war, am 3. Juli berichtete, hatte Thallóczy mit Unterstützung des
ungarischen Ministerpräsidenten Sándor Wekerle beim Grafen Apponyi in-
terveniert, der daraufhin erklärt hätte, „daß er gegen die Ernennung Ho-
dinkas nichts einzuwenden habe“. Die öffentliche Ausschreibung der Stelle
wäre für ihn aber dennoch unabdingbar, „da er früher als Abgeordneter stets
die Verleihung von Stellen mit Umgehung der Konkursausschreibung geta-
delt habe und als Minister nunmehr nicht eben jene Praxis, die er vormals
mißbilligt habe, selbst ausüben könne.“139 Der „Konkurs“ schien also nur
eine aus Gründen der Wahrung der Reputation des Ministers notwendige
Formsache und keine ernsthafte Bedrohung für die Berufung Hodinkas zu
sein. Genau das sollte sich auch bewahrheiten.
Am 18. September berichtete Thallóczy, dass es außer Hodinka nur drei
Mitbewerber gegeben hätte, die allesamt Mittelschulprofessoren und somit
nicht qualifiziert wären, da sie die als Aufnahmekriterium geforderte Privat-
dozentur nicht vorweisen konnten. Das Professorenkollegium der Universi-
tät in Pozsony hätte daraufhin Hodinka „unico loco“ für die Besetzung der
Stelle vorgeschlagen.140 Dessen Ernennung zum Universitätsprofessor durch
das ungarische Unterrichtsministerium erfolgte schließlich, wie sich nach-
träglich herausstellte, am 3. November und wurde am 18. dieses Monats im
„Budapester Amtsblatt“ veröffentlicht. Dass das ungarische Ministerium
dabei weder im Einvernehmen mit der Generaldirektion vorging noch diese
nach erfolgter Berufung Hodinkas verständigte, nahm man dort als Verlet-
zung der „gewöhnlichen Amtscourtoisie“ wahr. Der Mangel an Kommuni-
138 Wien, ÖStA, HHStA, GdPFF, J.R., R. 5., Kt. 357, Z. 2446 ex. 1906: eigenhändige Anmer-
kungen von Hawerda und Chertek.
139 Wien, ÖStA, HHStA, GdPFF, J.R., R. 5., Kt. 357, Z. 2446 ex. 1906: Bericht Schnürers an die
Generaldirektion v. 03.06.1906.
140 Wien, ÖStA, HHStA, GdPFF, J.R., R. 5., Kt. 357, Z. 2446 ex. 1906: Schreiben Thallóczys an
Chertek v. 18.09.1906.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken