Page - 478 - in Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918 - Metamorphosen einer Sammlung
Image of the Page - 478 -
Text of the Page - 478 -
KAISERLICHES INSTITUT UND
ERINNERUNGSRAUM478
Nach dem zuletzt zitierten Bericht von Alois Karpf entschied man in der
Generaldirektion, den Vorfall vorerst auf sich beruhen zu lassen. Im entspre-
chenden Akt werden jedoch einige Andeutungen gemacht, die die weitere
Entwicklung bereits vorausahnen lassen: Die Ursache für die Entwicklung
der Angelegenheit sah man in den „bekannten individuellen Eigenschaften
des Bibl. Leiters, die ihn zu diesem Amte immer ungeeigneter erscheinen
lassen u. gewiss die hauptsächliche, wahrscheinlich einzige Ursache der ja
auch ihrerseits jeweils nicht gut zu heissenden Personalverhältnisse in der
Bibliothek sind“. Es wäre „jetzt nicht der Augenblick, um aus dieser Ent-
wicklung die praktischen Schlossfolgerungen zu ziehen“; aber: „der Moment
hiefür dürfte in absehbarer Zeit geboten sein.“161
Rund zwei Wochen später, am 23. Mai 1906, erfüllte sich diese Ankündi-
gung gewissermaßen von selbst: Karpf bat um Versetzung in den Ruhestand.
Als Begründung gab er an, dass „außerordentliche Aufregungen, welche mir
in meiner verantwortungsvollen Stellung als Leiter der kaiserlichen Biblio-
thek nicht erspart blieben, […] auf meinen Gesundheitszustand derart nach-
teilig eingewirkt hätten, daß sich mir schon zeitweilig der beängstigende
Gedanke aufdrängte, in absehbarer Zeit das kaiserliche Institut nicht mehr
mit der notwendigen Umsicht und Energie leiten zu können.“162 In der Gene-
raldirektion wurde nun zunächst geprüft, ob Karpf die Voraussetzungen für
seine Pensionierung erfüllte und wie im gegebenen Fall sein Ruhegenuss zu
bemessen wäre. Grundsätzlich war die Behörde aufgrund einer kaiserlichen
Resolution vom 13. Mai 1906 berechtigt, „die Besetzung der dem Bereiche
der Gen. Dion. angehörigen, in die VII. Rangklasse gereihten Dienstposten
im eigenen Wirkungskreise vollziehen zu dürfen.“163 Da Karpf mit 62 Jahren
das vorgeschriebene Pensionsalter noch nicht erreicht hatte, musste seine
Dienstunfähigkeit aufgrund eines ärztlichen Attestes nachgewiesen werden.
Hier entschied Chertek interessanterweise, dass die Erklärung Karpfs aus-
reichend und ein medizinisches Gutachten nicht notwendig wäre, und zwar
mit der Begründung, dass Karpf „schon aus dem Titel geistiger Dienstunfä-
higkeit von Amtswegen pensioniert werden kann“.164 Auf Karpfs zeitgleich
eingereichtes Gesuch um Beibehaltung seiner aktiven Bezüge im Ruhestand
und um Verleihung eines Titels wurde jedoch nicht eingegangen, „da das we-
der durch die materielle Lage Karpfs, noch durch die Qualität seiner Dienst-
161 Wien, ÖStA, HHStA, GdPFF, J.R., R. 5., Kt. 537, Z. 1755 ex. 1906.
162 Wien, ÖStA, HHStA, GdPFF, J.R., R. 5., Kt. 537, Z. 2169 ex. 1906: Gesuch Karpfs an die
Generaldirektion v. 23.05.1906.
163 Wien, ÖStA, HHStA, GdPFF, J.R., R. 5., Kt. 537, Z. 2169 ex. 1906.
164 Wien, ÖStA, HHStA, GdPFF, J.R., R. 5., Kt. 537, Z. 2169 ex. 1906: eigenhändige Anmer-
kung Cherteks.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken