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KAISERLICHES INSTITUT UND
ERINNERUNGSRAUM512
in den vorliegenden Zusammenhang gehört, sei hier noch eine Schenkung
der Stadt London im Jahr 1881 erwähnt, da die Reaktion Beckers darauf
sehr aufschlussreich ist. Es handelte sich um eine Medaille, die anlässlich
des Besuches des Königs von Griechenland in London angefertigt worden
war. Eine Ablehnung dieses Geschenks, das durch die britische Botschaft
in Wien übergeben wurde, musste natürlich stichhaltig begründet werden.
Becker schreibt dazu in seiner Stellungnahme an Kabinettsdirektor Braun,
dass die Fideikommissbibliothek „in ihren Sammlungen zwar eine Collec-
tion von Münzen und Medaillen [besitzt], doch beziehen sich diese Medaillen
ledig
lich auf Ereignisse und Mitglieder des Allerhöchsten Kaiserhauses und
es wurden bisher Medaillen, die zu einem anderen Zwecke geprägt worden
sind, in diese Collection nicht aufgenommen.“ Er empfahl deshalb, die in
Rede stehende Zuwendung an die Münz- und Medaillensammlung des Kai-
serhauses abzutreten.273
Schließlich lässt sich noch eine dritte Form, wie Becker auf Gratiszuwen-
dungen reagierte, beobachten: indem er beim Oberstkämmereramt interve-
nierte, um deren „allerhöchste Annahme“ im Rahmen eines „literarischen
Vortrages“ zu erwirken. Der Grund für die Weitergabe der Angelegenheit
lag diesmal allerdings nicht in erster Linie darin, dass sie Becker als au-
ßerhalb seiner Kompetenz liegend betrachtete, sondern in dem Umstand,
dass es ihm entweder selbst ein Anliegen war, für die eingesandten Werke
die Auszeichnung der „allerhöchsten Annahme“ zu erwirken, oder dass er
von den Autoren dezidiert darum gebeten wurde.274 Als etwa der Gymnasial-
des heute kaum bekannten Komponisten einer größeren Öffentlichkeit näherzubringen.
Becker begründete die Rücksendung damit, dass „die erwähnten Musikalien wegen Raum-
mangels hier nicht länger behalten werden können“ (fol. 7v).
273 FKBA30028, fol. 2. Der Argumentation Beckers widerspricht die Annahme einer Medaille
der Stadt London anlässlich ihres 700-jährigen Bestehens durch seinen Nachfolger Zhish-
man acht Jahre später (vgl. FKBA32124). Dies ist umso bemerkenswerter, als dieser beim
Umgang mit Schenkungen viel restriktiver war als sein Vorgänger. Andererseits dürfte
für Zhishman die Festlegung des Sammlungsschwerpunktes auf Austriaca eine geringere
Rolle gespielt haben als für Becker.
274 Abgesehen davon, engagierte sich Becker auch auf andere Weise, um für Autoren und an-
dere Personen die symbolische Anerkennung ihrer Leistungen durch den Kaiser zu ver-
anlassen. Für das Werk „Aroidae Maximilianae […]“ (FRANZ 34.732), das vom Kaiser
selbst für die Fideikommissbibliothek erworben worden war, ließ er ein Gutachten durch
den Direktor des botanischen Gartens der Universität Wien, Anton Kerner von Marilaun,
erstellen, um damit die Erwirkung einer „allerhöchsten Anerkennung“ des Bearbeiters,
Johann Peyritsch, bei Kabinettsdirektor Braun zu beantragen (FKBA29040). Für den Hof-
buchdrucker Adolf Holzhausen bat er um Verleihung des Franz Joseph Ordens, was jedoch
nicht bewilligt wurde (FKBA300067). Durch derartige Aktionen muss Becker im Ruf eines
Protektors gestanden sein – ein Aspekt, den Franz Schnürer in seinem Nachruf auf Becker
würdigte (Schnürer, Becker, 9).
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken