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BIBLIOTHEKSGESCHICHTE 537
künstlerischen Werke umfassten, konnte die Fideikommissbibliothek ihre
Bestände auch durch Ankäufe erweitern, wofür ein Teil des ihr zur Verfü-
gung stehenden Budgets gewidmet war. Grundsätzlich müsste man davon
ausgehen, dass dies die einzige Grundlage für eine gezielte Erwerbungspoli-
tik war; doch das dem nicht so war, sollten die Ergebnisse des vorangegange-
nen Abschnittes gezeigt haben. Denn zahlreiche Schenkungen an die Fidei-
kommissbibliothek waren das Resultat eines aktiven Bemühens vonseiten
der Sammlung. (Im Übrigen ist ja auch die Ablehnung einer Schenkung ex
negativo Ausdruck einer Erwerbstrategie.) Auch im Hinblick auf die Werke,
die der Kaiser „der Annahme würdigte“, gab es selektive Mechanismen, doch
wurden diese offenkundig nicht von der Fideikommissbibliothek, sondern
vom Oberstkämmereramt und anderen staatlichen Stellen (Statthal tereien,
Ministerien etc.) gesteuert. Doch selbst hier gab es Berührungspunkte zu
den Erwerbungsstrategien der Sammlung. Denn manchmal wurde der An-
kauf eines Werkes, das vom Leiter der Fideikommissbibliothek als wün-
schenswerte Ergänzung der Bestände betrachtet wurde, nur deshalb unter-
lassen oder zumindest aufgeschoben, weil man hoffte, dass es entweder vom
Autor oder vom Verleger dem Kaiser zur „Annahme“ unterbreitet werden
würde.392 Die Ankaufspraktiken der Fideikommissbibliothek waren also in-
tensiv mit der Erwerbsform der Schenkung und zum Teil auch mit jener der
„Annahme“ durch den Kaiser verwoben und können bei der Behandlung des
Themas nicht immer scharf davon getrennt werden.
Wesentliche Ursache dieser Verflechtung war der Umstand, dass die
Fideikommissbibliothek im Grunde auf die unentgeltlichen Formen der Be-
standserweiterung angewiesen war, um Zuwächse erzielen zu können, die
dem Anspruch der Sammlung auch nur halbwegs gerecht wurden. Dass das
geringe Bibliotheksbudget dafür nicht ausreichte, kommt auch immer wie-
der dadurch zum Ausdruck, dass teure Ankäufe, die von den Leitern der
Fideikommissbibliothek an sich als erstrebenswerte Ergänzung der Be-
stände erachtet wurden, aufgrund der geringen Mittel nicht realisiert wer-
den konnten.393 Zudem dürfte seit der Übernahme der Leitung der Gene-
raldirektion des allerhöchsten Familienfonds durch Emil von Chertek ein
gewisser Druck zu größerer Sparsamkeit bestanden haben. Die zur Jahr-
hundertwende als Direktive festgeschriebene Ausrichtung der Fideikom-
missbibliothek auf Austriaca- und Habsburgica-Bestände war wahrschein-
392 FKBA29065 („Die Schatzkammer des Bayerischen Königshauses“); FKBA30015 („Chronik
des sächsischen Königshauses und seiner Residenzstadt Dresden“); FKBA32028, fol. 1v–2r
(Brialmont: „Histoire du Duc de Wellington“). Diese Strategie hatte Becker bereits in sei-
nem Arbeitsprogramm von 1870 formuliert (FKBA26135, pag. 20).
393 Siehe beispielsweise FKBA32042, fol. 2r, FKBA34093, FKBA34143 u. FKBA34160.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken