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KAISERLICHES INSTITUT UND
ERINNERUNGSRAUM614
keit anscheinend irreversibel. Im Zuge der Pläne für die erneute Übersied-
lung kamen abermals Konzepte der Nutzbarmachung für die Allgemeinheit
ins Gespräch. So war man u. a. geneigt, im Falle einer administrativen An-
gliederung der Sammlung an die Hofbibliothek geeignete Rahmenbedingun-
gen für den Zugriff wissenschaftlicher Forschung auf die Bestände zu schaf-
fen (vgl. Abschnitt 1.5.2). In den Planungen zur tatsächlichen Durchführung
der Übersiedlung im Jahr 1903 gewann dieses Vorhaben mit dem Projekt ei-
nes öffentlichen Lesesaales bereits konkrete Konturen, um aber dann doch
nicht realisiert zu werden. Ein für private Benutzer offiziell zugänglicher Be-
reich innerhalb der Sammlung wurde erst im Zuge der Übersiedelung von
1908 in reduzierter Form geschaffen. Eine andere Form der weiteren Annä-
herung der Fideikommissbibliothek an die Öffentlichkeit hat Franz Schnürer
mit seinem ab 1899 entwickelten Konzept für ein Habsburgermuseum vorge-
schlagen (vgl. Abschnitt 3.3). Auch dieses Projekt gelangte nicht zur Realisie-
rung. Die Übersiedlungen der Jahre 1903 und 1908 haben der Fideikommiss-
bibliothek jedenfalls auch wieder ein gewisses Medienecho beschert.673 1909
resümierte Franz Schnürer mit Blick auf das sechzigjährige Thronjubiläum
Kaiser Franz Josephs über den in dessen Regierungszeit vollzogenen „tief-
greifenden Fortschritt […], der aus einer kaum gekannten, weltabgeschie-
denen, in stiller Bescheidenheit verborgenen Privatsammlung ein für das
Wiener Kunstleben wie für die wissenschaftliche Arbeit hochbedeutendes
Institut geschaffen hat, ein Institut, das heute auf der Höhe der Zeit und der
modernen Anforderungen steht und unbestritten den ersten Sammlungen
dieser Art beigezählt wird.“674 Dass man Dienstleistungen für die Allgemein-
heit in dieser Zeit im Aufgabenprofil der Institution bereits fest verankert
sah, belegt der Umstand, dass in den Jahren 1911 und 1912 Verzeichnisse
der Porträtbestimmungen und Reproduktionen angelegt wurden.675 Nach
dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Übernahme der Fideikommiss-
bibliothek durch die neugegründete Republik676 war das Thema ihrer öffent-
lichen Nutzbarmachung natürlich so aktuell wie nie zuvor. Zu dieser Frage
hatte dann auch Franz Schnürer in einem Zeitungsartikel vom Oktober 1920
Stellung genommen und vorgeschlagen, die ehemalige Habsburg-Lothringi-
sche Familienbibliothek in ein „Institut für Porträtkunde und biographische
Forschung“ umzuwandeln.677 Noch im selben Jahr wurde die Sammlung un-
673 Neue Freie Presse, Nr. 13.913 v. 21.05.1903, 10f., u. Nr. 13.955 v. 04.07.1903, 6; Neues
Wiener Tagblatt, Nr. 322 v. 22.11.1908, 9.
674 Schnürer, Familien-Fideikommiß-Bibliothek, 489.
675 FKB.INV.31 u. FKB.INV.41.
676 Vgl. den Beitrag von Nina Knieling in diesem Band, Abschnitt 2.3.
677 Schnürer, Fideikommißbibliothek.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Title
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Subtitle
- Metamorphosen einer Sammlung
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Size
- 17.4 x 24.5 cm
- Pages
- 1073
- Categories
- Geschichte Chroniken